Sven Kommer

Erklärvideos

Auf der Plattform mebis, die bayerische Schulen nutzen, lassen sich Videos wie auch andere Materialien – wie hier – zu Aufgaben im Homeschooling einbauen.
Auf der Plattform mebis, die bayerische Schulen nutzen, lassen sich Videos wie auch andere Materialien – wie hier – zu Aufgaben im Homeschooling einbauen. , © picture alliance/dpa/Stefan Puchner

Sven Kommer

Selbstermächtigung zum Lernen?

Erklärvideos gibt es zu fast allen Bereichen des Lebens. Sie werden von Jugendlichen nicht nur privat, sondern auch zum Lernen für die Schule genutzt. Längst ist für sie das Anschauen von Tutorials an die Stelle des Blicks ins Lexikon getreten. Wie kann Schule darauf reagieren? Diese digital verfügbare „Textsorte kann in den Unterricht eingebaut werden, auch indem Schüler und Schülerinnen dazu angeregt werden, selbst Tutorials zu erstellen.

Als der vorliegende Text am Ende des Jahres 2019 angefragt wurde, ging das Bildungssystem seinen gewohnten, in der Breite nicht unbedingt von schnellen Innovationen geprägten Weg. Der DigitalPakt war zwar unterzeichnet, die Resonanz aber noch etwas verhalten. Im März 2020, beim Verfassen des Textes, hat sich die Lage grundsätzlich geändert: Schulen und Universitäten sind geschlossen, „digitale Medien sollen trotzdem sofort und überall sicherstellen, dass Lehren und Lernen möglichst nahtlos weitergeht. Wir befinden uns also mitten in einem riesigen, nicht geplanten und nicht antizipierten didaktischen Experiment.
Die Schülerinnen und Schüler sind da möglicherweise schon viel weiter: „Digitale Medien sind längst fester Bestandteil ihrer Lebenswelt (vgl. JIM 2018), die immer wieder postulierte Grenze zwischen „virtueller und „realer Welt für die Heranwachsende (und nicht nur für diese) nicht mehr existent. Im Alltag entsteht eher der Eindruck einer ersten Generation von (fast) Cyborgs: Das Smartphone ist quasi zu einer Körpererweiterung geworden, sein Fehlen kommt einer Amputation gleich.
Das kann man als „Untergang des Abendlandes sehen oder nicht nur in der aktuellen Situation als Chance. Nicht zuletzt zeigt der (empirisch grundierte) Realitätscheck, dass sich jenseits der offiziellen Seiten des Bildungssystems hier längst Partisanenstrategien digitalen Lernens etabliert haben, die die Strukturen von Schule etc. ergänzen oder gar aushebeln: Ist die Hausaufgabe unklar oder vergessen, das Arbeitsblatt verloren gegangen oder die Lösung unauffindbar, hilft der WhatsApp-Klassenchat und die Hoffnung auf Schwarmintelligenz. Übersetzungsaufgaben aller Art lassen sich dank Google-Übersetzer und Co. schnell erledigen, Wikipedia ist zwar noch immer offiziell verboten, jedoch das von allen in Echtzeit genutzte Nachschlagewerk (das allen gedruckten Lexika den Todesstoß versetzt hat). Und wenn die Erklärungen der Lehrpersonen nicht hilfreich waren, wird eben das einschlägige Erklärvideo (Tutorial) auf YouTube und Co. als (scheinbar) bessere Alternative genutzt.
Erklärvideos/Tutorials
Nachdem Anfang der 2000er „das Internet (in der Regel als HTML-basierte Hypermedia-Seiten) auch in Deutschland Verbreitung gefunden hatte, änderte sich nicht zuletzt durch den Start von Wikipedia (2001) die Form der Wissensrecherche grundlegend: „Wer heute Wissen erwerben will, greift nicht mehr unbedingt zum Buch, sondern recherchiert im Internet (Richard & Philippi 2016, S. 180). Gedruckte Enzyklopädien und Lexika sind seitdem vom Markt verschwunden, ebenso wie deren erste digitale Varianten auf CD-ROM. Waren diese, wenn auch ergänzt um die Möglichkeit von Hyperlinks, noch mehr oder weniger an der etablierten Form der gedruckten Medien orientiert, deutete sich mit der Gründung der Online-Videoplattform YouTube im Jahr 2005 ein medialer Paradigmenwechsel an: Bewegtbild lange eine Domäne von professionellen Produktion und engagierten Hobbyisten konnte jetzt nicht nur viel einfacher produziert, sondern vor allem auch weltweit distribuiert werden. Die für den europäischen Kulturraum über eine sehr lange Zeit grundlegende Dominanz des Schriftsprachlichen verliert damit (möglicherweise) ihre lange unangefochtene Hegemonie (Bachmair 2009; Niesyto 2009).
Damit deutet sich hier möglicherweise das Ende der auf Buch und Text fokussierten „Gutenberg-Galaxis an, d.h die Orientierung auf linearen Text wird ersetzt durch ein...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 91 / 2020

Unterricht digital

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 5-13