Marcel Beyer

Wirtschaft neu denken

© Manoel Eisenbacher
© Manoel Eisenbacher

Marcel Beyer

Zum Einfluss der Sprache auf (ökonomisches) Denken anhand von Framing

Klimakatastrophe, Wirtschaftskrise, Selbstausbeutung oder Verteilungsungerechtigkeit: Unsere vorherrschende Wirtschaftsweise verschärft drängende Probleme und es ist höchste Zeit, Lösungen anzugehen. Sprache fungiert nicht nur als Mittel, um ein Phänomen oder die Wirklichkeit zu beschreiben („Katastrophe, „Krise, „Ausbeutung und „Gerechtigkeit), sie beeinflusst das Denken und Handeln unbewusst. Eine Befähigung, die Macht der Sprache zu erkennen und Sprache reflektiert, bewusst und plural zu verwenden, ist demnach das Fundament, um Wirtschaft neu und verantwortet denken zu können.

In dieser Unterrichtseinheit lernen Schüler/innen das Phänomen Framing kennen und wenden es angeleitet als ein Analysetool an, um sprachliche Strategien zu entlarven und die eigene Sprachverwendung zu reflektieren. Die Anwendung ist keineswegs auf ökonomische oder politische Bereiche begrenzt.
Framing und Denken über Wirtschaft
200 Jahre nach dem Tod von Karl Marx sind Fragen von Ungleichverteilung, Ausbeutung und Profitstreben immer noch hoch relevant. Marx beschwor das Ende der bürgerlichen Gesellschaft. Was er nicht wissen konnte: Der gegenwärtig globalisierte Kapitalismus hat in vielen Teilen nicht nur das Denken, sondern auch die Sprache durchdrungen. Wie die Heilsversprechen des Kapitalismus stillschweigend vermittelt werden, beschreibt Silja Graupe anhand verschiedener Strategien1 in diesem Heft. Eine dieser Beeinflussungsstrategien, das sogenannte Framing, steht im vorliegenden Unterrichtsvorschlag exemplarisch im Mittelpunkt der Betrachtung.
Die Theorie des Framings wird vor allem in den Kognitionswissenschaften beforscht und hat in Deutschland durch Elisabeth Wehling eine stärkere Bekanntheit erfahren. Diese beschreibt Frames als „gedankliche Deutungsrahmen [], die Fakten erst eine Bedeutung verleihen, und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen.2 So aktiviert etwa der Begriff „Euro-Rettungsschirm einen Schirm-Frame mit folgenden möglichen semantischen Rollen: „Es gibt eine Gefährdung von außen, verursacht durch eine Naturgewalt, Regen oder brennende Sonne.3 Die Analyse von Frames hilft dabei ins Bewusstsein zu heben, welche Assoziationen im Deutungsrahmen aktiviert werden. Es handelte sich bei der 2007 ausgebrochenen Finanz- und Wirtschaftskrise keineswegs um eine Naturkatastrophe. Ein von Menschen gemachtes und veränderbares System zeigte, wie anfällig es ist.
Frames sind zudem hilfreich bei der Analyse von Metaphern. Gerade im Denken über Wirtschaft werden vielfach Metaphern gebraucht. Die Wirkung liegt oft im Reich des Unbewussten (Vorsicht Metapher):
„So oder so, [] braucht der „,griechische Patient aber eine ‚Rosskur, um den aufgeblasenen Staatssektor ‚gesund zu schrumpfen. Die ‚Selbstheilungskräfte des Marktes werden die ‚Krisensymptome dann schon irgendwann lindern.4
Metaphern helfen, einen abstrakten Sachverhalt schnell begreifbar zu machen. Werden diese jedoch unreflektiert übernommen, so können Aspekte aus der Quelldomäne (hier Krankheit) auf die Zieldomäne (hier Wirtschaft) übertragen werden und das Denken beeinflussen: Griechenland als Staat ist kein Patient im Wartezimmer, dem ein Spezialist eine Medizin verschreibt.
Solch ein Framing ist nicht ohne Konsequenzen. Es verschiebt den Denk- und Handlungsspielraum einer individuell erlebten Erfahrung von Krankheit auf die Komplexität von Wirtschaft mit ihren Interdependenzen, Prozessen, sowie Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Der Frame Krankheit induziert die Vorstellung, dass es einfache und richtige Lösungen (Wahl des richtigen Medikamentes) gibt, welche vom Spezialisten (dem Arzt) verschreiben werden. Dieser Deutungsrahmen reduziert das komplexe Phänomen des Wirtschaftens; die menschliche Gestaltbarkeit gerät außerhalb des Denkbaren.
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Friedrich+ Religion

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 4 / 2018

Im Kapitalismus leben

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 10-13