Thomas Schlag

Kapitalismus in religionspädagogisch-didaktischer Perspektive

Wie soll man mit dem Kapitalismus im Religionsunterricht umgehen?
Wie soll man mit dem Kapitalismus im Religionsunterricht umgehen?, © Feuerbach | photocase.com

Thomas Schlag

Warum und wie sollen wir uns im Religionsunterricht mit dem Kapitalismus beschäftigen?

Man könnte es sich einfach machen und angesichts der vielfältigen Phänomene des Gegenwartskapitalismus dem Religionsunterricht die unbedingte Aufgabe zuschreiben, bei den Schülerinnen und Schülern ein (natürlich) skeptisches Sehen zu erzeugen, (selbstverständlich) kritisches Urteilen zu befördern und zum (konsequenterweise) alternativen Handeln aufzufordern. Die unübersehbaren Härten des kapitalistischen Systems für Mensch und Natur machen es einer solchen überzeugungsstarken religiösen Bildung auf den ersten Blick tatsächlich leicht. In globalen, nationalen und lokalen Kontexten zeigen sich erhebliche Dynamiken und dramatische Auswirkungen einer Weltanschauung, über die das Urteil längst prominent gefällt ist: „Diese Wirtschaft tötet1. Wer wollte dem angesichts regelmäßig drohender Wirtschaftskatastrophen und unübersehbarer ökonomischer und sozialer Ungleichheit widersprechen?

Aus der biblischen Überlieferung und bestimmter theologisch-ethischer Denktraditionen lassen sich ohne größere Schwierigkeiten viele höchst anschauliche Belege und Argumente dafür heranziehen, dass um Gottes willen Armut nicht sein soll (Spr 14,31), elende Verhältnisse rechtliche Maßnahmen erfordern (Jer 22,16), die Zeit zur Umkehr aufgrund falscher Besitzstandswahrung drängt (Mt 19,26-26) und die Verweigerung gerechter Teilhabe ein Skandal ist.2
Was läge zudem angesichts der diversen Jubiläen dieses Jahres näher, als die gesamte Phalanx der säkularen und kirchlichen Kapitalismuskritiker des 19. Jahrhunderts auch im Religionsunterricht auflaufen zu lassen und damit starke geistige Verbindungslinien vom Kommunistischen Manifest des Jahres 1848 bis zum gesellschaftsdiakonischen Protestantismus im Jahr 2018 zu ziehen? Wird also Karl Marx womöglich in Religionsschulbüchern am Ende einen gleichberechtigten Platz neben didaktischen Säulenheiligen wie Gandhi, M. L. King oder Bonhoeffer erhalten?
Eine fundamentalkritische Ausgangsposition, die etwa durch die Rede von „dem Kapitalismus sogleich mit bestimmten Ideologisierungen arbeitet, droht in didaktischer Hinsicht allerdings selbst fundamental zu werden und damit ihre diskursive Kraft zu verlieren. Durch allzu rasche normativ-kritische Aussagen über den Kapitalismus als System mögen sich zwar Tür und Tor für die (vermeintlich) eindeutige moralische Bewertung öffnen, aber möglicherweise werden gerade dadurch prozessual-interaktive Erschließungsvorgänge von vorneherein unmöglich gemacht.
Nicht ganz untypisch finden sich in einschlägigen Materialien didaktisch zwar gut gemeinte, aber nicht unbedingt weiterführende Gegenüberstellungen: So hat beispielhaft ein unbarmherziger Immobilien-Manager Schaden an seiner Seele genommen und will sich nun neu orientieren: Dazu könnte, so der Materialhinweis, der Ausspruch Jesu helfen: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Matthäus 16,26). Die Schülerinnen und Schüler sollen offenbar ebenfalls zur Umkehr gelangen, wenn ihnen als Orientierungsfrage mitgegeben wird: „Welche Möglichkeiten sehen Sie, die eigene Seele zu befreien?3. Und im neuen baden-württembergischen Bildungsplan von 2016 liegen bei dem, was Schülerinnen und Schüler in ethischer Hinsicht reflektieren sollen, weltliche und biblische Zukunftsvorstellungen über das beste ökonomische Handeln offenbar kaum weit auseinander, wenn es heißt: Sie sollen sich „mit säkularen (zum Beispiel Utopie, Vision, Zukunftsszenario, alternative Wirtschafts- und Lebensform, Große Transformation) und biblisch-theologischen Zukunftsmodellen (zum Beispiel messianisches Friedensreich, Reich Gottes, Apokalyptik) auseinandersetzen.4
Was mit uns selbst im kapitalistischen Gesamtzusammenhang geschieht und was wir geschehen lassen
Religionspädagogisch-didaktische Reflexion darf es sich nicht zu leicht machen von der...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 4 / 2018

Im Kapitalismus leben

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13