Martin Weyer-Menkhoff

„Ich bin betagt, doch nicht umnachtet“

Albert Schweitzer in späten Jahren © Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum, Frankfurt am Main
Albert Schweitzer in späten Jahren © Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum, Frankfurt am Main, © Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum Frankfurt am Main

Martin Weyer-Menkhoff

Albert Schweitzer eine Biographie in Licht und Schatten

Leben! Das ist der Grundbegriff, der sich Albert Schweitzer erschlossen hat und damit alle Begriffe, Philosophien und Wissenschaften relativiert, aber zum Denken anleitet. Denn Leben ist das Erste, ist einfach und strebt über klares, Gut und Böse unterscheidendes Denken zum guten Handeln.

Einfaches Leben?
Wohl wurde Ludwig Philipp Albert Schweitzer, geboren am 14. Januar 1875 in Kaysersberg, Elsaß, in einfachen, bescheidenen Verhältnissen als zweites von fünf Kindern groß. Aber gegenüber den Bauernkindern seines Dorfes Günsbach, wo er aufwuchs, spürte der Pfarrerssohn den Abstand. Der Vater Louis Schweitzer war Pfarrer, die Mutter, Adele geb. Schillinger, stammte aus einer an Pfarrern reichen Familie. Die religiöse Einstellung entsprach der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts. Auch die Musik gehörte zu Alberts Verwandtschaft: Ein Orgelbauer und drei Organisten. So lernte er mit fünf Jahren Klavier, mit acht ging es an die Orgel. Der Besuch des Gymnasiums war nur möglich, weil er bei einem Onkel in Mülhausen kostenlos aufgenommen wurde.
Klares Denken
Schweitzers Einzigartigkeit hat gewiss auch darin ihren Ursprung, dass er sich seine eigenen Gedanken machte und sie als einzelner, ohne auf andere zu warten, in die Tat umsetzte. Als er 1893 mit dem Studium der Evangelischen Theologie und Philosophie in Straßburg begann, studierte er parallel dazu auch Musik. Unterbrochen durch den Militärdienst legte er 1898 sein 1. und 1900 sein 2. Theologisches Examen ab; im selben Jahr wurde er mit einer Arbeit über das Abendmahl zum Dr. theol., ein Jahr später mit einer Dissertation über Kant zum Dr. phil. promoviert. Zuvor reiste er zu Orgel- und Theologiestudien nach Paris zu Charles-Marie Widor und nach Berlin zu Adolf von Harnack. 1902 habilitierte er sich in Straßburg in der Theologie. Bis 1906 leitete er das Predigerseminar Thomasstift. „Nebenher verfasste er zwei seiner Hauptwerke seine „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung (erschienen 1906; 1913²) und seine Bach-Biographie (1905 frz.; 1908 dt.). Beide Arbeiten wurden Standardwerke.
In der Theologie erklärte Schweitzer den verbreiteten Versuch für gescheitert, ein Leben Jesu zu entwerfen, um ihn als nahe Persönlichkeit zu vergegenwärtigen. Vielmehr gehöre Jesus ganz in die jüdische Apokalyptik, die sich, wie schon Paulus bemerke, für uns erledigt habe (1911: „Geschichte der Paulinischen Forschung). Aber der dogmenfreie „Geist Jesu rede uns heute an und fordere zum Handeln, das Reich Gottes wirklich werden zu lassen. Mit der Ethik als Wesen der Christlichen Religion bleibt Schweitzer der aufklärerischen und liberalen Theologie treu, mit seinen Gedanken zur mystischen Gestalt der Religion, kehrt er sich von ihrem Historismus ab. Das zeigte sich darin, wie er vormalige Gegensätze von Liberalität und Pietät in seinem frommen Leben vereinigte.
Schweitzers Genialität, etwas Neues zu denken, überschritt den kulturellen Zeitgeist, den er als dekadent und rückwärtsgewandt ansah, in dem man sich wesentlich als Erben großer Leistungen des 19. Jahrhundert verstand. Schweitzer dagegen wollte nicht nur theoretischer Denker und Verwalter der Geschichte sein, sondern durch praktische Vernunft eine neue ethische Kultur mit hervorbringen, die er bereits in Straßburg als „Ehrfurcht vor dem Leben bezeichnete. Die bisherige Ethik sei relativ, nur auf den Menschen bezogen; Ethik aber müsse absolut sein und die ganze Schöpfung im Blick haben, insbesondere die vergessenen Tiere. Bereits als Kind störte es ihn, dass im häuslichen Gutenachtgebet nur an die Menschen, nicht aber der Tiere gedacht wurde, sodass er diese in ein „heimliches Gebet mit einschloss. Für die Theologie bedeutete es, Jesus als Rufer einer neuen Ethik zu folgen und sich nicht nur in akademischem Denken mit Jesus zu beschäftigen.
In der Musik ging Schweitzer ebenfalls einen eigenen Weg: Der neumodischen Sitte...

Friedrich+ Religion

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 1 / 2018

Albert Schweitzer

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13