Joachim Bayer

Gesinnungslose Verantwortung oder verantwortungslose Gesinnung?

Joachim Bayer

Vom Zusammenspiel der alten Gegensätzeder Gesinnungs- und Verantwortungsethik

1919 formulierte Max Weber die bekannte Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik.1 Lässt sich christliche Ethik einer dieser Pole zuordnen? Und wenn ja: Um welche Form christlicher Ethik handelt es sich dabei? Ausgehend von Webers Unterscheidung lernen SuS gängige philosophische wie theologische Begründungsformen ethischen Handelns kennen, reflektieren diese in einer evangelischen Perspektive und wenden sie an Beispielen an.

Biblische Ethik?
Christliche Ethik ist zunächst biblische Ethik! Doch was ist das eigentlich? Alttestamentliche Kasuistik, apodiktisches Recht, das jesuanische Nachfolge- oder das apostolische Haustafelethos? Oder vielleicht eine pragmatische Addition von Dekalog, Doppelgebot der Liebe und Bergpredigt? Paulus mahnt hingegen: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten! (1. Kor. 10,23) Zudem: „Prüfet aber alles, und das Gute behaltet! (1.Thess 5,21) Das Gute etwa, von dem man nicht weiß, wo und wann es gut ist, denn nichts und niemand „ist gut als Gott allein (Lk 18,19)? Rein biblisch kommt man also nicht zu einer Eindeutigkeit, sondern muss auch hier mit Ernst Käsemann konstatieren, dass der „neutestamentliche Kanon nicht die Einheit der Kirche, sondern die Vielfalt der Konfessionen und auch ihrer philosophischen Folgeerscheinungen begründet.
Gesinnung oder Verantwortung? Was bestimmt das christliche Handeln? Das Folgende ist der Versuch einer knappen Skizze, in der deutlich werden möge, dass die zunächst sehr klaren (und damit leicht lehr- wie lernbaren) Gegensätze von Gesinnungs- wie Verantwortungsethik bei längerer Betrachtung ineinander verschwimmen. Die Demarkationslinien zur deontologischen wie teleologischen Ethik in der lutherischen Affinität zur Verantwortungsethik zudem zum Utilitarismus werden unscharf oder aber unendlich diffizil und damit in Kürze nicht darstellbar.2
Skizze einer evangelischen Perspektive
„Heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist! (1. Petr 3,15) In diesem Ursatz christlicher Apologetik kommen zwei biblische Traditionslinien überein: Herzensgesinnung und Verantwortung bzw. Rechenschaft in der Perspektive des noch nicht Gegenwärtigen (Röm 8,24; vgl. Hebr 4,12f.), nämlich der Hoffnung auf das Gericht als der Restitution des Zerbrochenen (Apk 21,3-5), als Anbruch des Siebten Tages, an dem auch der Mensch in das Urteil Gottes einstimmen wird (Gen 1,31; vgl. Hebr 4,1). Verantwortung („Apologie) vollzieht sich in einem logischen Diskurs („logon didonai), der in der Letztverantwortung vor dem Richterstuhl Gottes mündet (Röm 14,12).
Verantwortung in der Bibel steht, wie das Ablegen der Rechenschaft, neben der zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Perspektive (Apg 22,1), demnach in einem forensischen Kontext, in der Verantwortung vor Gott als Schöpfer und Richter und damit untrennbar verbunden in einem eschatischen Horizont. Die Verantwortung ist gewissermaßen die Kehrseite der Rechtfertigung: Jegliches menschliches Handeln vollzieht sich in der Perspektive der Hoffnung auf das „Gute, das der Mensch nicht herzustellen vermag, sondern sehnsüchtig von Gott her erwartet: „Überwinde das Böse mit Gutem, dem Agathon (Röm 12,21). Das Gute, das Reich Gottes ist gegenwärtig (Lk 17,21), aber klar definiert nur in der Person Jesus Christus, d.h. im Wort seines Evangeliums. Konfessionell gesprochen: in der sakramentalen Gegenwart des Wortes von der Vergebung, dem Evangelium.3 In der lutherischen Tradition ist die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium konstitutiv für die gesamte Theologie und damit auch für den Bereich der Ethik. Das Evangelium ist klar definiert als der Bereich der Absolution, hingegen das Gesetz bleibt unhandlich, undurchsichtig und indefinabel in seiner Ambivalenz (us...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 4 / 2016

Ethisches Lernen

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13