Claus Günzler

Fromm, vernünftig, sperrig.

Claus Günzler

Albert Schweitzer im Religionsunterricht

Seit den frühen Nachkriegsjahren zählt Albert Schweitzer zu den herausragenden Bezugsgestalten des Schulalltags und hat vor allem nach seinem Tod im September 1965 einen hohen Stellenwert als Namensgeber für Schulen aller Art gewonnen. Um 1980 herum schwächte sich diese Zuwendung zu Schweitzer als Vorbild mit hoher Strahlkraft zwar ab, aber das minderte bei den Schulpraktikern keineswegs die Überzeugung, dass der Urwaldarzt von Lambarene und Verfechter der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben eine so unabweisbare Affinität zur pädagogischen Praxis aufweise, wie dies bei Gestalten von Weltrang gemeinhin nicht der Fall ist.

Seinerseits bekannte sich Schweitzer mehrfach zum Schulmeisterblut in seinen Adern und unterstrich dies durch die hohe Ernsthaftigkeit, mit der er inmitten höchster Belastung in seinem Urwaldspital unbeirrt der Korrespondenz mit Schulen nachging. Dem entspricht ein Bekenntnis, das er am 4. April 1965 in einem Brief an den Philosophen Herbert Spiegelberg zum Ausdruck bringt:
„Eine große Freude ist für mich, dass meine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ihren Weg in die Welt macht und sich kampflos durchsetzt, durch die Energie ihrer Wahrheit. Eine besondere Freude ist für mich, dass man sie schon in den Schulen lehrt.1
Diese Affinität impliziert allerdings nicht, dass sich das Denken Schweitzers zwanglos dem Rahmen irgendeines Schulfachs zuordnen ließe, also auch nicht dem Religionsunterricht, und dies ist bei der Rezeption Schweitzers in pädagogischem Kontext oft übersehen worden. Obschon er Theologie und Philosophie mit Inbrunst und Erfolg studiert hatte, regte sich von Anfang an seine Kritik an der methodischen Enge der Wissenschaften, denn für wichtiger als alle Fachgrenzen hielt er die Bewahrung des uneingeschränkten Denkens, und auf dieses kam es ihm zuallererst an. Deshalb sprang er höchst eigenwillig mit den überkommenen Denkbahnen der Fachzünfte um, bescheinigte den Philosophen des frühen 20. Jahrhunderts „Denkakrobatik an den Turngeräten der Begriffe2 und den Theologen „Angst vor dem Luftzug des Geistes3. Bei derart herber Kritik an seinen Zeitgenossen konnte er kaum mit kollegialer Sympathie rechnen, doch immerhin wurden einige seiner wichtigsten theologischen Arbeiten noch vor dem Ersten Weltkrieg zügig rezipiert und verschafften ihm ein bis heute andauerndes Renommee in der Theologie, obwohl er nur selten Zustimmung fand. Dagegen ließ die erste seiner philosophischen Hauptschriften bis 1923 auf sich warten4, und die Mehrzahl der weiteren Manuskripte blieb der Edition „Werke aus dem Nachlaß vorbehalten, die von 1995 bis 2006 erschienen ist. Die Rezeption in der Philosophie verlief daher überaus zäh und scheint erst neuerdings an Breite zu gewinnen.5
Sittliches Handeln zwischen Wollen und Sollen
Woher rührt diese grundlegende Skepsis Schweitzers gegenüber strikt umgrenzten wissenschaftlichen Disziplinen? Warum zieht er die Regeln der Wissenschaften, die er ohne Bedenken in seiner eigenen Forschung akzeptiert, radikal in Zweifel, sobald es um ethische Fragen, um Handlungsrichtlinien für das Alltagsleben geht?
Es ist Schweitzers Schwäche und Stärke zugleich, dass er Theologie und Philosophie stets exklusiv unter ethischem Interesse betreibt. Dies schmälert seinen Rang in beiden Disziplinen, weil er viele systematische Gebiete von hohem Gewicht ignoriert, doch es verleiht seinem eigenen Entwurf einer Ethik der „Hingebung an Leben aus Ehrfurcht vor dem Leben6 einen unbestreitbaren Neuigkeitsgehalt, weil er gegen alle Standards der ethischen Argumentation das empirische Phänomen des Lebens zur Prämisse aller sittlichen Normen erhebt und folgerichtig das individuelle Wollen für wichtiger hält als das abstrakte Sollen der rationalistischen Pflichtethiken. Dies fiel im frühen 20. Jahrhundert aus dem etablierten akademischen Rahmen, stellt aber zugleich den Anschluss an die Debatte her, die seit gut...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 1 / 2018

Albert Schweitzer

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13