Marco Hofheinz

„Erzähle, Israel!“

Marco Hofheinz

Biblisch-theologische Grundlegungdes ethischen Lernens anhand des Deuteronomiums

Religionsunterricht kann, will und wird nicht ohne Ethik auskommen. Sie lässt sich thematisch nicht ausblenden, es sei denn, man wollte den Religionsunterricht um seine Handlungsdimension berauben. Bei Lichte betrachtet, legt der Religionsunterricht in der Sekundarstufe I den Akzent zumeist auf biblisch grundgelegte, theologische Ethik, während in der Sekundarstufe II die Auseinandersetzung mit nicht-christlichen und nicht-religiösen Ethiken an Bedeutung gewinnt.1

Auch eine biblisch grundgelegte, theologische Ethik will freilich erlernt werden. Dem damit projektierten ethischen Lernen kommt der Umstand zugute, dass die Bibel selbst kein Lehrbuch, sondern ein „Buch des Lernens2 und zwar auch des ethischen Lernens ist. Die Bibel leitet zur Ethik, zur Reflexion auf das Ethos und die Moral einer Gemeinschaft von Menschen (hier: des Volkes Gottes) an.3 Sie stellt ihm nicht nur ein Ethos und eine Moral vor Augen, sondern artikuliert und expliziert diese so, dass dessen ethische Praxis im Sinne eines Hörens auf das Wort Gottes geprägt wird.
Theologische Ethik meint mithin eine Praxis, die mit dem Ethos und der Moral des Volkes Gottes engstens verbunden ist.4 Ihre Aufgabe ist es, zu reflektieren, was im Lichte des Wortes Gottes zum Leben des Gottesvolkes gehört. Sie hat das Ethos und die Moral des Volkes Gottes aber nicht nur zum Gegenstand, sondern ist selbst auch Teil von dessen Ethos. Theologische Ethik wird insofern selbst als unabdingbare Praxis einer sich als Volk Gottes verstehenden Gemeinschaft verstanden.
Dass die Bibel selbst zum ethischen Lernen anleitet, kann freilich an dieser Stelle nicht flächig demonstriert, sondern nur exemplarisch gezeigt werden. Hier soll dies anhand des Dtn, einem zentralen Buch des alttestamentlichen Kanons, geschehen. Das Dtn enthält „ein regelrechtes, den Israelitinnen und Israeliten gebotenes Lehr- und Lernprogramm5, wie in drei Schritten bzw. Kapiteln im Folgenden gezeigt werden soll.
Hören lernen. Ethisches Lernen narrativ vermittelt
Das gesamte Dtn kann als programmatisches Lehr- und Lernbuch verstanden werden, in dem Moses, der Israel am Tag vor seinem Tod (34,1-8) und dem Jordanübergang seine Abschiedsreden hinterlässt, als Lehrer seines Volkes die entscheidende Rolle spielt: „Mose ist der ‚Urlehrer Israels, Israel soll fortan als Lehr- und Lerngemeinschaft nach JHWHs Willen leben, insofern es die Mose gebotenen vielfältigen Vorschriften zu religiösem Lehren und Lernen befolgen soll.6 Das Dtn ist stilisiert als eine rück- und vorausschauende Moserede, die sich an das Volk Israel richtet, das sich gerade im Land Moab befindet (1,5). Israel wird als Lerngemeinschaft konstituiert (4,1-40), indem Mose die Toragebote, also die Satzungen und Rechtsvorschriften, zu tun lehrt. Diesem „Lehrauftrag kommt Mose in 6-26 nach, wobei er zunächst darlegt, wie und warum die Gebote im Lande zu befolgen sind (6-11), und schließlich die Satzungen und Rechtsvorschriften öffentlich verkündigt (12-26).
Es fällt auf, dass das Wortfeld „Hören/Gehorsam für das Dtn zentral ist. So wird das Volk insbesondere durch die betonte Anrede „Höre, Israel (4,1; 6,4; 9,1) mehrfach neu angesprochen: „Und nun höre, Israel, die Satzungen und Rechte, die ich euch lehre, damit ihr danach handelt und am Leben bleibt und in das Land kommt und es in Besitz nehmt, das der HERR, der Gott eurer Vorfahren, euch gibt (4,1; Zürcher Bibel [ZB]). Das Hören Israels ist dabei an das Lernen gebunden. Im Zuge des Lernens soll Israel auf die Satzungen und Rechtsvorschriften hören: „Wenn Israel in der Welt des Dtn nicht entsprechend lernt und in Folge dessen (im Lande) auf die Gesetze hört, dann wird das katastrophale Folgen haben, nämlich Dezimierung und Exilierung7 (4,23-28). Damit werden die Fragen virulent: Wie vollzieht sich das Hören? Wie sieht ein Leben und Handeln aus, das sich...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 4 / 2016

Ethisches Lernen

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13