Hartmut Lenhard

„Du Jude!“

© imago images / epd

Hartmut Lenhard

Warum für Christen Judenfeindschaft, Judenhass und Judenverachtung ein No-Go ist

Thematischer Schwerpunkt
Antisemitismus ist eine Alltagserfahrung vieler jüdischer Kinder und Jugendlicher. Insbesondere in Metropolen wie Berlin, in denen muslimisch geprägte Populationen anzutreffen sind, geraten der tägliche Weg durch bestimmte Viertel und die Anwesenheit in öffentlichen Schulen zu einer Art Spießrutenlaufen. Die Arten antisemitischer Übergriffe reichen von Bloßstellungen, Mobbing, Konfrontation mit Stereotypen, Bedrohungen, Witzen, NS-Symbolik bis hin zu verbalen und physischen Angriffen und Gewalt. Immer häufiger verzichten jüdische Schüler und Schülerinnen auf Kennzeichen wie Kippa oder Davidstern, um nicht als Juden und Jüdinnen identifiziert und angegriffen zu werden.
Judenfeindliche Einstellungen sind z.B. bei Mitschülerinnen und Mitschülern wahrzunehmen, die als Flüchtlinge z.B. aus Syrien, dem Irak, dem Iran oder Afghanistan in einer Umgebung aufgewachsen sind, in der Antisemitismus kulturelle, politische und religiöse Tradition ist, selbst wenn sie noch nie einen Juden zu Gesicht bekommen haben. Aber auch bei Jugendlichen aus türkischen Familien sind antisemitische Verhaltensmuster anzutreffen. Daher beschränkt sich die pädagogische Herausforderung durch antisemitische Einstellungen und entsprechendes Verhalten keineswegs auf Ballungsräume, sondern kann in jeder Schule und in jedem Unterricht auftreten.
Auf der Seite der Täter sind aber keineswegs nur muslimische Kinder und Jugendliche beteiligt, sondern durchaus auch rechtsradikale und linksliberal orientierte Mitschülerinnen und -schüler, Letztere häufig mit israelorientierten antisemitischen Ansichten, die im Unterricht geäußert werden, oder gezielten Beschuldigungen, mit denen jüdische Mitschüler für die Politik in Israel haftbar gemacht werden.
Beide Perspektiven die Erfahrungen der Opfer und die der Täter kommen in der Unterrichtsreihe ins Spiel. Eine überzeugende Menschenrechtsethik fordert die kategorische Pflicht zur Hilfe für alle Gewaltopfer, im Religionsunterricht wird jedoch zudem die besondere ethische Situation akzentuiert, die aus dem einzigartigen Verhältnis von Christen und Juden resultiert. Christen können sich angesichts ihrer unausweichlichen Verbundenheit mit Jüdinnen und Juden im Glauben an den einen Gott Israels nicht auf eine neutrale, indifferente Position zurückziehen, wenn Juden verleumdet und angegriffen werden. Sie sind zu solidarischem Beistand herausgefordert. Diese ethische Verpflichtung einzuschärfen, Möglichkeiten zu konkreter Unterstützung zu reflektieren und Schüler zu couragiertem Verhalten zu ermutigen, ist der Fokus dieser Unterrichtsreihe.
Lernsituation
Jugendliche haben in der Regel keine oder nur eine nebulöse Vorstellung von dem, was mit „Antisemitismus beschrieben wird. Sie kennen nur selten jüdische Menschen und deren Erfahrungen mit antisemitischen Angriffen, wissen nichts oder nur wenig über eine praktizierende Synagoge vor Ort und deren Gefährdungen, sie verfolgen die Ereignisse in Israel, Gaza und der Westbank nicht oder nur in Schlagzeilen, erfahren vielleicht hier und da in Großstädten, was Hass auf Juden und Israel bedeutet und wie er sich artikuliert. Die Geschichte des Antisemitismus ist ihnen weitestgehend unbekannt, selbst die Shoah, die etwa durch Stolpersteine in vielen Orten noch präsent ist, erscheint ihnen als monströse Vergangenheit, mit der sie selbst aber nichts zu tun haben.
Judentum ist für die Schülerinnen und Schüler trotz theologischer Vergegenwärtigung im Religionsunterricht eine allenfalls fremde, exotische Religion, die außerhalb ihrer Lebenswelten kaum irgendeine Rolle spielt und deshalb auch wenig Interesse weckt, wenn es wieder einmal zu Übergriffen und Anschlägen kommt.
Generell ist jedoch festzustellen, dass der Ausdruck „Du Jude! als Beleidigung in allen Schulformen verwendet wird, auch wenn gar keine jüdischen...

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Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 38 / 2020

Judenfeindschaft – Was hab' ich damit zu tun?

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 7-8