Matthias Hahn

Wessen Geschichte ist wahr?

Jerusalem: Durch Israelis bewachter Zugang zum Tempelberg
Jerusalem: Durch Israelis bewachter Zugang zum Tempelberg, Foto: © Kerstin Wohne, Hannover

Matthias Hahn

Lektüre eines Jugendromans zum Nahostkonflikt

Thematischer Schwerpunkt
Der Jugendroman „Grenzgebiete. Liebe in einem zerrissenen Land von Friedhelm Kraft ist auf verschiedenen Ebenen angesiedelt. Zunächst: Liebe. Im Mittelpunkt des Buches steht Mareike, die nach ihrem Schulabschluss in einer Deutschen Schule in Bethlehem ein Praktikum aufnehmen möchte. Noch in Berlin verliebt sie sich in Jossi, einen israelischen Austauschstudenten. Die beiden gehen eine Beziehung miteinander ein und wollen sich in Israel wiedersehen. Als Mareike in Israel ankommt, begegnet sie dem jungen Palästinenser Farid. Dessen Sichtweise auf die Verhältnisse irritiert und beeindruckt sie. Schließlich beginnt auch Farid, von Mareike zu träumen
In diese Liebesgeschichte hinein ist dann die politische, gesellschaftliche und religiöse Situation Israels und Palästinas verwickelt. Mareike, Jossi und Farid sind Protagonisten des israelisch-palästinensischen Dilemmas2, für das es keine einfachen Lösungen gibt, wohl aber Emotionen, Schuldzuweisungen, Verletzungen, Vorurteile und Beharren auf dem eigenen „richtigen Standpunkt, auf der je eigenen Wahrheit. Es ist eine Stärke des Buchs, dass es die Geschichte erst einmal in der Normalität des Alltags ansiedelt, im Suchen und Finden von Geborgenheit, Liebe und Glück. Und es ist eine weitere Stärke des Buchs, dass es zur eigenen Standpunktfindung beiträgt. Ein Bildungsroman ohne Belehrungen. Zusätzliche Informationen in einem Anhang zu unbekannten Begriffen und mit einer Zeittafel zum Nahost-Konflikt ermöglichen die selbstständige Lektüre.
Ein Unterricht mit Jugendliteratur, der sich nicht nur zum Ziel setzt, bestimmte literarische und sprachliche Kompetenzen auszubilden, bestimmte Werthaltungen der Schülerinnen und Schüler zu beeinflussen oder Weltwissen zu vermitteln, sondern der sich auch als Teil eines übergreifenden Konzeptes der „Leseförderung begreift, muss auf die Leseinteressen und Lesehaltungen der Jugendlichen eingehen.
Dieser Unterrichtsentwurf orientiert sich daher an dem Motto „Erschließend, nicht erschöpfend. Es geht beim Lesen des Jugendromans nicht um das kleinteilige, sich hinziehende „Durchnehmen des Textes, sondern um dessen Erschließung, um das differenzierte Aufschließen von individuellen Bedeutungsbezügen am Beispiel der auf den Arbeitsblättern ausgewählten Textauszüge3, in dem kognitiv-analytische und handlungs- und produktionsorientierte Verfahren sowie verbindende stille Lektürephasen zur Geltung kommen können.
Lernsituation
Wie stellt sich das Thema des Nahostkonflikts für Neunt- und Zehntklässler dar? In jedem Fall ist mit einer sehr heterogenen Ausgangslage zu rechnen. Jüdisch-israelische Stimmen verweisen oftmals auf eine sehr vorurteilsbelastete, geradezu anti-israelische, Sichtweise deutscher Jugendlicher, denen in den Schulen und Schulbüchern eine kritische Sichtweise auf Israel nahegebracht werden würde. Andererseits ist das Thema „Judentum sehr prominent in den Lehrplänen für Evangelischen Religionsunterricht vertreten. Nicht einfacher wird die Situation in deutschen Schulen durch wechselseitige Mobbing-Vorwürfe von Arabern an Juden, Arabern an Deutschen und umgekehrt. Tausende als staatenlos geltende Palästinenser sind in den letzten Jahren nach Deutschland geflohen. Bisweilen wird die These vertreten, der Nahostkonflikt erobere deutsche Klassenzimmer4.
So ist die pädagogische Gemengelage in Religionsunterricht, Schule und Gesellschaft recht unüberschaubar. Un- und Halbwahrheiten stehen neben subjektiven relativen Teilwahrheiten, die biographisch als absolute Wahrheiten verstanden werden. Der Religionsunterricht ist gewiss nicht der Ort, über die Wahrheit politischer Einstellungen zu Gericht zu sitzen, aber er ist der Ort für Dialog und wechselseitiges Verstehen. Verstehen ist für interreligiöses Lernen hoch relevant, aber nicht leicht! Nipkow weist darauf hin, dass Verstehen systematisch im Unterricht gefördert...

Friedrich+ Religion

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Religion!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Religion 5-10 und entwurf
  • Umfassendes Archiv mit über 300 didaktischen Beiträgen, Unterrichtseinheiten, Arbeitsblättern, Grafiken, Filmen, Aufgaben, Differenzierungsmaterial, Methodenkarten, Spielen  u. v. m.
  • Jährlich über 100 neue Beiträge mit Unterrichtseinheiten zu lehrplanrelevanten Themen

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Religion

Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 36 / 2019

Was ist wirklich wahr?

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 9-10