Monika Buerstedde | Susanne Bürig-Heinze

Maria – Himmelskönigin oder Anwältin der Armen?

Ambrosio Figino: Krönung Mariens (1587, Mailand, Ausschnitt)
Ambrosio Figino: Krönung Mariens (1587, Mailand, Ausschnitt), © imago / Leemage

Monika Buerstedde | Susanne Bürig-Heinze

Ein evangelisch-katholischer Zugang

Thematischer Schwerpunkt
Der biblische Befund zu Maria fällt im Vergleich zu der vielfältigen Rezeption in der Kirchen- und Kunstgeschichte eher schmal aus: Sie spielt vor allem in den Kindheitsgeschichten des Matthäus- und Lukasevangeliums sowie im Kontext der Kreuzigung im Johannesevangelium eine Rolle. Am ausführlichsten wird sie bei Lukas beschrieben: Die Botschaft des Engels über ihre Schwangerschaft, der Besuch bei ihrer Cousine Elisabeth, der Mutter von Johannes dem Täufer, besonders aber das Magnifikat profilieren sie in lebendiger Weise. In diesem Lobgesang nimmt Maria zentrale Elemente der Botschaft Jesu vorweg: seine Hinwendung zu den Armen und Marginalisierten, die Predigt vom Reich Gottes, die Menschwerdung Gottes und zentrale Aspekte der Kreuzestheologie, den Ruf in die Nachfolge. Maria wird somit zum Vorbild des Glaubens.
Umso verblüffender ist der Blick auf die Traditionen der katholischen Kirche: Eng verbunden mit der Formulierung der marianischen Dogmen (vgl. Kasten) haben sich vielfältige Typologien entwickelt wie z.B. die Schutzmantelmadonna, die die Gläubigen, vor allem aber Klöster und Klerus mit ihrem Mantel schützt (s. Abb. 1 ),2 die Mondsichelmadonna, die Himmelsgöttin mit dem Strahlenkranz, die als neue Eva die Schlange, also das Böse, zertritt (angelehnt an Apk 12, s. Abb. 1) oder aber das unerreichbare Vorbild in den Dogmen des 19. und 20. Jahrhunderts: Maria als Mutter, aber auch als Unbefleckte.
Marianische Dogmen
Marianische Dogmen
431 n. Chr.: Dogma von der Gottesmutterschaft Mariens
649 n. Chr.: Dogma von der Jungfräulichkeit
1854 n. Chr.: Dogma von der unbefleckten Empfängnis
1950 n. Chr.: Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel10
„Was also ist ein Dogma? Kein Zusatz zum ursprünglichen Evangelium oder gar eine neue Offenbarung, sondern eine amtliche, für die ganze Kirche verbindliche Auslegung der einen ein für allemal ergangenen Offenbarung, meist in Abgrenzung gegen irrige, verkürzende und verfälschende Interpretationen.“ 11
Ganz anders hat Martin Luther die Mutter Gottes in seine Theologie eingebunden: Die auf Christus weisende Maria wird zum Vorbild des von Gott gerechtfertigten Menschen. Und insbesondere ihr Einsatz für die Schwachen und Armen kann ein Vorbild für die Regierenden sein (M1).
Und noch eine ganz andere Perspektive: Stalingrad im Winter 1942, tausende Soldaten sind von der Roten Armee eingekesselt. In diesem Umfeld zeichnet der evangelische Pfarrer, Arzt und Maler Kurt Reuber mit Kohlestift auf der Rückseite einer russischen Landkarte ein Bild zu Weihnachten: Die Mutter Maria mit dem Jesuskind, umrahmt mit den Worten: Licht, Leben, Liebe ein Trost für sich und seine Kameraden (s. Abb. 1 ).
Warum nun Maria in einem konfessionell-kooperativen Unterricht? Sicher geht es nicht darum, kirchliche Bekenntnisse zu vermitteln oder eine evangelische Sichtweise von einer katholischen abzugrenzen. Vielmehr können die Schülerinnen und Schüler einen ersten Einblick in das Verhältnis von Text und Rezeption nehmen und dabei die Kontextualität einzelner Aussagen sowie ein unterschiedliches Schriftverständnis als zentrales Thema im konfessionellen Dialog erkennen.3 Zudem sollen ein eigener Zugang und damit auch ein eigener Standpunkt zu dem Thema gewonnen werden.
Lernsituation
Zunächst: Wie stellt sich das Thema „Maria aus der Sicht der Neunt- bzw. Zehntklässler dar? In jedem Fall ist mit einer sehr heterogenen Ausgangslage zu rechnen.
Evangelischerseits werden neben wenigen biblischen Grundlagen kaum Anknüpfungspunkte vorhanden sein. Katholischerseits sieht es entweder ähnlich aus oder aber das Vorwissen wird sich je nach religiöser Sozialisation und auch Region in einem assoziativen Spektrum zwischen Dogmengeschichte, Volksfrömmigkeit oder eigenen religiösen Erfahrungen bewegen. Viel zentraler erscheint bei diesem Thema...

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Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 32 / 2018

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