Andreas Hinz

Zeit in Schule und Religionsunterricht

Wie verbringen wir unsere Zeit in der Schule sinnvoll?
Wie verbringen wir unsere Zeit in der Schule sinnvoll?, © life_is_live/photocase.com

Andreas Hinz

Religionspädagogische Überlegungen

„Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemanden auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht. (Augustin, Confessiones)

Zeit und Schule
Frühmorgens, erste Stunde es läutet. Alle sind rechtzeitig und sitzen pünktlich zu Stundenbeginn auf ihren Plätzen alle, bis auf Konrad. Der kommt mal wieder zu spät. Ich habe verschlafen, sagt er wahrheitsgemäß. Stell dir gefälligst den Wecker, sagt seine Lehrerin genervt. Ein alltägliches Beispiel für den Konflikt zwischen den individuellen, natürlichen Bedürfnissen an Zeit und der gesellschaftlichen Ordnung der Zeit, wie sie die Schule repräsentiert. Wir haben die Zeit beim Spielen vergessen, entschuldigen sich nach der großen Pause die Zuspätkommenden.
Kann man die Zeit vergessen? Und was heißt eigentlich „zu spät?1
Wie Erwachsene in unserer Gesellschaft mit der Zeit umgehen, versteht sich keineswegs von selbst. Das ist jedem vertraut, der mit Kindern zu tun hat. Es ist ein langer Prozess, bis diese nicht nur gelernt haben, die Uhr zu lesen, sondern auch pünktlich zu sein und die Zeit effizient zu nutzen. Im Sinne der Zeitmuster der Erwachsenen trödeln Kinder vielfach, sind vergesslich und oft unpünktlich. Sie träumen gern und schieben Aufgaben vor sich her. Völlig zeitvergessen können sie bisweilen spielen. Die Zeit wird bis zur Sättigung ausgeschöpft. Die effiziente Zeitnutzung der Erwachsenenwelt hingegen ist eine völlig andere. Während wir unseren Alltag anhand abstrakter, gleicher Takte organisieren, die uns die Uhr vorgibt, erleben Kinder die Zeit qualitativ. Nicht die Zeit als abstrakte Größe ist für sie von Bedeutung, sondern das, was in ihr geschieht, gibt dem Zeiterleben die Qualität von erfüllter Kurzweil oder bedrückender Langeweile.
In seiner Ansprache zur Einschulung bringt Erich Kästner die gesellschaftliche Sozialisationsaufgabe der Schule auf den Punkt: Liebe Kinder, () Euch ist bänglich zumute, und man kann nicht sagen, dass euer Instinkt tröge. Eure Stunde X hat geschlagen. () Das Leben nach der Uhr beginnt, und es wird erst mit dem Leben selber aufhören.2
Früher erst in der Schule, heute zunehmend bereits in der Kindertagesstätte, lernen Kinder, ihr eigenes Zeitgefühl dem modernen Zeitempfinden anzupassen. Das gelingt überwiegend so gut, dass Erwachsene meinen, es sei ihr natürliches Bedürfnis, die Welt anhand quantitativer Zeitmuster zu organisieren. Nicht, was getan werden muss, sondern die abstrakte Zeit, die zur Verfügung steht, gibt vor, was zu tun ist. Chronometrisch ist jede Stunde 60 Minuten lang, doch die subjektiv erlebte Zeit hängt ganz entscheidend davon ab, ob man diese Stunde auf dem Zahnarztstuhl oder im Kinosessel verbringt.
Von der qualitativen Zeit zur effizienten Zeitökonomie ein kurzer Blick auf die Geschichte der Zeit
Mit einem Schlag wird die Neuzeit eingeläutet. Es ist der Schlag der ersten Uhren, die zu Beginn der Neuzeit, ab dem 14. Jahrhundert, an den Rathaus- und Kirchtürmen der Städte auftauchen. Durch sie werden das Zeitverständnis und der Umgang mit der Zeit allmählich für alle Menschen vereinheitlicht. Gab es zuvor Aufgaben zu erledigen, sei es die lebensnotwendige Arbeit, seien es die von der Obrigkeit erzwungenen Dienste oder die vorgegebenen gottesdienstlichen Rituale, so rückt nun die chronometrisch gemessene Zeit in den Vordergrund. Spätestens seit der Industrialisierung geben der Zeittakt und die quantitativ vorherbestimmte Zeit die Arbeit vor. Aus einem göttlichen Gut, wie das Mittelalter die Zeit verstand, wird eine Handelsware.3 Das kommt besonders treffend in dem berühmten Motto von Benjamin Franklin zum Ausdruck: „time is money. Die Uhren wandern von den Kirchtürmen über die Standuhren immer näher an den einzelnen heran, bis sie schließlich am Arm eines jeden ankommen. Das Smartphone erinnert unentwegt an die objektive Atomzeit. Und jedes Schulkind kann sich daran...

Friedrich+ Religion

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 4 / 2019

Zeit

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13