Peter Kliemann

Wie spät ist es?

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Peter Kliemann

Anmerkungen zu Zeit und Zukunft aus christlicher Sicht1

„Zeit ist ein Schlüsselthema sowohl der biblischen Tradition als auch unserer heutigen Lebenswelt. Die Vorstellung, dass die Welt einen Anfang hatte und eines Tages ein Ende haben wird und dass wir uns in der Mitte dieses Prozesses befinden, bildet den Rahmen für eine Fülle von lebenspraktisch spannenden und theologisch relevanten Fragen.

Was ist Zeit?
An kaum einem Thema lässt sich die Relevanz der christlichen Sicht der Wirklichkeit besser verdeutlichen, als an unserem Umgang mit dem Thema Zeit. Dies hat zum einen mit unseren modernen Lebensbedingungen zu tun, für die die Behauptung, man habe leider gar keine Zeit, für viele Menschen geradezu zum Leitmotiv geworden ist. Zum anderen zeigt sich aber, dass Nachdenken über das Phänomen Zeit uns sehr nah an unsere persönlichen Lebensfragen und unseren individuellen Lebensstil heranführt: Warum vergessen Kinder und verliebte Menschen die Zeit? Warum dauern die 20 Minuten im Wartezimmer oder die Mathematikstunde so unendlich lange? Ein Buch mit einiger Konzentration von vorn bis hinten durchzulesen, braucht seine Zeit. Für den einen vergeht sie wie im Flug, der andere quält sich, vielleicht weil er sich verpflichtet fühlt, mühsam durch die Kapitel, mit dem nagenden Gefühl, er könne seine Zeit eigentlich in anderer Weise irgendwie sinnvoller verbringen. Das Phänomen der Zeit erinnert uns immer wieder daran, dass wir endliche Wesen sind. Nicht für alles, was möglich wäre, ist Platz in einem einzigen Menschenleben, und das macht die Frage nach einem angemessenen Umgang mit der Zeit unseres Lebens zu einer Variante der Frage nach dem Sinn des Lebens.
Philosophen und Theologen hat die Rätselhaftigkeit und Faszination des Themas Zeit immer schon in besonderer Weise angezogen. Berühmt geworden ist ein Zitat von Augustinus (354 – 430 n. Chr.). Dieser Kirchenvater, der sich erst im Alter von 33 Jahren taufen ließ, um dann Bischof einer Diözese im Bereich des heutigen Algerien zu werden, berichtet in seinen „Bekenntnissen (lat. confessiones) von seinem Ringen um die rechte Sicht des Lebens und seinen Weg zum christlichen Glauben. Dabei schreibt er im 11. Buch der „Bekenntnisse zum Thema Zeit: „Was ist denn überhaupt Zeit? Wer könnte das leicht und kurz erklären? Wer kann etwas über sie zur Sprache bringen oder sie auch nur im Gedanken erfassen? Was aber ist uns im Reden vertrauter und sicherer gegenwärtig als die Zeit? Und wir verstehen das Wort durchaus, wenn wir es aussprechen; wir verstehen auch, wenn wir es hören, falls ein anderer es ausspricht. Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es einem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht.2 Augustinus erläutert die Rätselhaftigkeit des Phänomens Zeit dann detailliert am Paradox von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Vergangenheit gibt es eigentlich nicht, sie hat kein „Sein, weil sie ja schon gewesen ist. Diesem Nicht-mehr der Vergangenheit entspricht das Noch-Nicht der Zukunft, denn sie „ist ja noch nicht. Und die Gegenwart? Sobald ich sie zu fassen versuche, ist sie schon wieder vorbei. Wir sagen „jetzt, und schon ist „jetzt vorbei.
Was es nach Augustinus „gibt, ist eigentlich nur die Gegenwart unserer Wahrnehmung, „eine Ausdehnung der Seele. In unserer Seele nehmen wir die Gegenwart wahr, erinnern uns der Vergangenheit und erwarten die Zukunft. In der Seele gibt es die Gegenwart des Vergangenen, die Gegenwart des Gegenwärtigen und die Gegenwart der Zukunft. Zeit als eine innere Kategorie des Menschen ist dabei für Augustinus ein Ausdruck von Geschöpflichkeit; Gott, der Schöpfer, ist selbst nicht der Zeit unterworfen. Die Kategorie des Göttlichen ist die des Ewigen. Damit ist aber nicht eine endlose Verlängerung unserer irdischen Zeiterfahrungen gedacht, sondern ein grundsätzlich anderer Zustand, in dem alle Phänomene und auch Probleme, die wir mit dem Thema Zeit verbinden, keine...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 4 / 2019

Zeit

Friedrich+ Kennzeichnung Projekt Schuljahr 1-13