Stefan Hermann

Wie „evident“ ist die Evidenz- und Datenbasierung der Fortbildungsreform in Baden-Württemberg?

Stefan Hermann

„Handlungsbedarf bei der Qualitätsverbesserung von Unterricht und Schule in Baden-Württemberg, sieht die amtierende Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann. Mit dem zum 1. März 2019 geltenden Gesetz zur Umsetzung des Qualitätskonzepts sieht sie „die Weichen für eine konsequente Orientierung an Qualität und Leistungsfähigkeit im baden-württembergischen Schulwesen gestellt. Nicht von ungefähr begründet die Ministerin den Handlungsbedarf mit dem Hinweis auf Bildungsstudien und Leistungstests. Ein wesentlicher Kern politischer Steuerung sind evidenz- und datenbasierte Forschungsergebnisse, die nun auch in Baden-Württemberg konsequent zur Qualitätsverbesserung eingesetzt werden sollen. Eine Schlüsselstellung für diese Entwicklung nehmen einerseits die Ergebnisse der Hattie-Meta-Metastudie sowie hierzulande der sogenannte PISA-Schock ein.
Was sind die Hintergründe dieser Entwicklung? Und wie sind die Versprechungen einer evidenz- und datenbasierten Steuerung von Bildung zu bewerten?
„No child left behind, lautete ein Programm der Bush-Regierung (2002). Die Förderung von Schulen wurde in den USA seither an erfolgreiche Schulleistungstests gekoppelt, „schlechte Schulen sanktioniert. „What works wurde die Leitfrage einer neu belebten, auf quantitative Studien fokussierten Bildungsforschung mit eng festgelegten Standards. In Deutschland führte der sogenannten PISA-Schock 2001 zu einer politischen Grundsatzdiskussion, durch die entsprechende Bemühungen in der Bildungsforschung beschleunigt wurden. Der Handlungskatalog der Kultusministerkonferenz (KMK) vom Dezember 2001 sieht unter anderem die Qualitätssicherung durch Standards und Evaluation vor. 2007 wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMPF) ein Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung aufgelegt. Damit wurden neben der regelmäßigen Durchführung von Leistungsvergleichsstudien bundesweite Leistungsstandserhebungen und ein Bildungsmonitoring eingeführt. Die KMK hat diese Bemühungen 2015 in einer überarbeiteten Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring gebündelt.
Die Rezeption der Hattie-Studie in Deutschland 2013 und damit der Umgang mit evidenz- und datenbasierten Forschungen zeigt exemplarisch deren Ambivalenz im Blick auf Ambitionen politischer Steuerung, wissenschaftlicher Theoriebildungen und praktischer Handlungsanweisungen. Hattie selbst verwendete für die Umsetzungswirkung der Studie den Begriff des „total learning und feuerte damit die postulierten Erwartbarkeiten in Teilen der politischen und pädagogischen Öffentlichkeit an. Nur selten wurden die Hintergründe der Ergebnisse kritisch hinterfragt, so zum Beispiel die breite zeitliche Streuung der von ihm verwendeten Studien (einige stammen aus der Zeit vor 1990), ebenso die Kontextualität der zumeist im englischsprachigen Raum erfolgten Studien. Dies betrifft auch die Generierung der Cluster, die zu teilweise widersprüchlichen Ergebnissen führen. Als weitere Kritikpunkte gelten das Verwischen und Unterlassen notwendiger Differenzierungen durch additive Mittelwertbildung sowie die Beurteilung der Gewichtung der sogenannten Effektgrößen in Relation zu den jeweils aufgenommenen Einzelstudien. Lineare Übersetzungsvarianten, beispielsweise beim Begriff des instruktiven Lehrens, führten zu weiteren einseitigen Interpretationen, die im vielfach rezipierten und in dieser verkürzten Version fehlinterpretierenden Slogan mündeten: „Auf die Lehrperson kommt es an!
Spätestens seit der insbesondere von A. und T. Helmke seit ca. 2013 im Anschluss an die Hattie-Studie vorangetriebenen Evidenzbasierten Methoden der Unterrichtsdia-gnostik und -entwicklung (EMU), inklusive der Entwicklung standardisierter evidenzbasierter Methoden zur Unterrichtsbeurteilung, werden wesentliche Aspekte des US-amerikanischen What works-Konzeptes in die Unterrichtsforschung und die Lehrerbildung in Deutschland aufgenommen. Die standardisierten Evaluationsbögen, die von der...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 2 / 2020

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