Rainer Wittmann

Vom Umgang mit Zeit in der Schule

Rainer Wittmann

Damals konnte ich sagen: Ich bin Lehrer. Ich bin es gerne. Ich arbeite gerne mit Kindern und Jugendlichen an den Themen des Seins. An den Themen ihres, aber auch meines Seins. Im RU. An einer Schule.
Und dann wurde das: Unterrichtszeit. Korrekturzeit. Konferenzzeit. Kooperationszeit. Zeit für Fortbildung.
Und zwischendurch: Familienzeit. Elternzeit. Urlaubszeit. Erholungszeit. Bedürftige eigene Kinder. Bedürftige eigene Eltern.
Und weiter geht es mit: Stundenplan. Schuljahresbeginn. Lehrplan. Klassenarbeitstermine. Wandertag. Pädagogische Konferenzen. Herbstferien. Klassenarbeiten. Korrekturen. Elternabend. Adventszeit. Weihnachtsgottesdienst. Korrekturen. Halbjahreszeugnisse. Dienstjubiläum. Notenbesprechung. Ferien. Klassenarbeiten. Korrekturen. Noten. Pädagogische Konferenzen. Ferien. PrüfungenKorrekturenFeiertageKorrekturtageAbschlussfeierKrankheitstage. Und immer so fort.
Wo bleibt Jahreszeit?
Zeit für΄s Ich?
Auszeit?
Lebenszeit?
Immer mehr und erschreckenderweise immer häufiger jüngere Kolleginnen und Kollegen fühlen sich vom System Schule getrieben und gehetzt, finden sich in Strukturdebatten und Zusatzprojekten wieder, die sie mit ihrem eigentlichen Unterrichtsauftrag zunehmend nicht mehr in Zusammenhang sehen können.
Immer mehr Lehrkräfte aller nur denkbaren Fächer und Schularten haben den Eindruck, Spielball der Kultuspolitik zu sein und dem Unterrichten immer weniger Aufmerksamkeit widmen zu können.
Immer mehr Religionslehrerinnen und -lehrer verantworten Schulseelsorge und das „geistliche Leben ihrer Schule. In vielen Kollegien steigt die Zahl der Teilzeitkräfte, sinkt mithin die Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die regelmäßig an der Schule sind und bereit, die nicht versorgten Unterrichtsstunden zu vertreten.
Und das Erkrankungsrisiko steigt
Zwar schaffen immer mehr Schulen den Pausengong ab, wird in „offenen Lernzeiten der Zeit-Druck aus dem Lehren und Lernen genommen, unterstützen immer öfter Schulpsychologen und Beratungslehrerinnen die Lehrenden. Das Gefühl, immer stärker im „Hamsterrad des Schuljahres gefangen zu sein, nimmt dadurch aber nicht wirklich ab. Die Anträge auf vorzeitige Verrentung nehmen zu
Gut, dass es auch die andere Perspektive geben kann. Gut, dass mit neuen Schul- und Unterrichtsformen nicht nur Belastung verbunden ist. Im Beruflichen Schulwesen wird derzeit mit Nachdruck die Schulart „AV Dual eingeführt, in der Schülerinnen und Schüler ohne und mit Hauptschulabschluss binnendifferenziert in Ausbildung oder zum mittleren Abschluss geführt werden sollen. Die didaktische Grundidee ist an die der Gemeinschaftsschulen angelehnt: Durch Wochenpläne strukturiert werden die Schülerinnen und Schüler eng in Teams begleitet und die Lehrenden verlassen die Rolle des alleinigen „Unterrichtsverantwortlichen.
Die Begeisterung vieler Kolleginnen und Kollegen bei der Einführung dieses Schulversuches zeigt, wie groß die Sehnsucht nach nachhaltiger Veränderung des Unterrichtens ist.
Besonders eindrücklich für mich war, wie lange und fast ungläubig in unserem „Planungsteam für das „AV Dual der Wochenbeginn der künftigen Klasse diskutiert wurde: Montags in der ersten Stunde ist „Ankommens-Stunde mit Planung der Woche. „Zu-Spät-Kommende eintragen müssen? Minutenversäumnisse erfassen müssen? Unpünktlichkeit bestrafen müssen? Entschuldigungen glauben müssen?
Kein Müssen. All das wird nicht sein. Es wird Zeit sein. Zeit zum Ankommen. Zeit zur Orientierung. Nicht nur für die Schülerschaft
Zeit zum Ankommen. Nicht „auf-die-Minute-pünktlich-sein-müssen. Kommen Können. Nicht: Dasein Müssen. Zeit als Angebot. Nicht als Korsett. Nicht als Zwang. Nicht an dieser Stelle. Sich sammeln dürfen als Teil des Dienstes. Neuland. Sehnsuchtsland.
Zugegeben: Angesichts der Belastungen des (Religions-) Lehrerinnen- und -lehrerdaseins mag eine solche Neuerung im Schulalltag „mickrig und marginal wirken.
Aber sie kann ein Anfang sein.
Ein...

Friedrich+ Religion

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 4 / 2019

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