Rainer Wittmann

Maria Knotenlöserin

Rainer Wittmann

Wer die Kirche St. Peter am Perlach in Augsburg betritt, findet im rechten Seitenschiff eine ungewöhnlichen Mariendarstellung: Das Bild trägt den Titel „Maria Knotenlöserin.

Maria steht im Mittelpunkt des Bildes. Sie steht. Sie sitzt nicht und thront nicht und hat auch kein Kind auf ihrem Arm. Über ihrem roten Kleid trägt sie ein blaues Tuch. Es fällt locker über ihre Schulter und umschlingt ihre Hüfte. Maria ist beschäftigt. Sie blickt den Betrachter nicht an, sondern hält den Kopf etwas geneigt. Mit Ruhe und Konzentration schaut sie auf ihre Hände, die einen Knoten aufdröseln. Maria hat noch viel zu tun, denn das Band, das durch ihre Hände geht, hat viele Knoten. Ein Engel zu ihrer aus Sicht des Betrachters Rechten reicht ihr das lange verknotete Band. Ein Engel zu ihrer Linken zeigt dem Betrachter, was passiert, wenn ein Knoten durch Marias Hände geht: Das Band ist wieder glatt und schön, der Knoten ist aufgelöst. Kein Madonnenlächeln ziert Marias Gesicht, nichts Süßliches geht von ihr aus, sondern eher eine konzentrierte Ruhe.
Wie von der Sonne angestrahlt fängt sich das Licht in Marias Gesicht, ihrem Dekolleté und ihren Händen. Im dunklen unteren Teil des Bildes zertritt ihr Fuß den Kopf der Schlange, Symbol der Mächte, die uns gefangen nehmen wollen, der Ängste, der Zwänge.
Das Motiv des Marienbildes hat was: Knoten werden gelöst, Verstricktes wird aufgedröselt, Verwirrtes bekommt wieder eine Gradlinigkeit. Diese Aussage oder besser gesagt dieses Hoffnungszeichen spricht den Betrachter direkt an. Wer wünscht sich das nicht, von seinen Verstrickungen erlöst zu werden!
Das Bild erzählt von der Sehnsucht nach einem guten Leben. Oder von der Sehnsucht, dass ich mit meinen Verstrickungen nicht allein dastehe, dass da jemand mein Aufdröseln begleitet und unterstützt, jemand helfend eingreift.
Es tut ja schon gut, sich einfach eingestehen zu können, dass man nicht so richtig weiter weiß. Dass man auch mal jammern kann. Man eben nicht die Lösung für alles in der Hand hält.
Eine Besucherin sagt:
„Ich finde mich in dem Bild der Knotenlöserin wieder: die Knoten in meinem Leben in die Hand nehmen, betrachten und dafür zu beten, dass sich da etwas löst. Ich will
meinen Teil gern dazu beitragen, aber ich weiß, dass ich nicht alles ‚im Griff habe. Es geht nicht um ein knotenfreies Leben, sondern eher darum, wie ich mit meinen Verstrickungen umgehe.
Ein Mann, Anfang vierzig, erzählt, dass ihn das Bild an seine Großmutter erinnert. Der Stolz seiner Großmutter war es, wenn sie ein Päckchen bekam, die Schnur nicht zu zerschneiden. Sie löste alle Knoten und hob das Band sorgfältig auf. Er hätte meist nicht diese Geduld. Er zerschneidet schnell ein Band, obwohl er dabei immer ein bisschen ein schlechtes Gefühl hat.
An dem Bild spricht ihn die Konzentration an, mit der Maria am Werk ist.
Das Gemälde „Maria Knotenlöserin zeigt ein langsames Entwirren und Auflösen der Knoten. Es hat nichts Hastiges oder Gewalttätiges an sich. Es zeigt eher Geduld und Geschicklichkeit, ja auch eine Art von Zärtlichkeit und Einfühlungsvermögen. Knoten kann man ja durchaus auch anders lösen. Ein Paradebeispiel dafür ist Alexander der Große. Mit einem einzigen Schwerthieb durchtrennt er den berühmten gordischen Knoten, den bisher niemand zu lösen vermochte. Eine effektive, aber brutale Methode, um Knoten zu lösen.
Gehören Sie eher zu den geduldigen Lösern oder zu den „Durchtrennern von Knoten?
Beide Formen der Knotenlösung die zarte wie die brutale sind echte Möglichkeiten. Beides sind auch echte Lösungen. Und es bedarf der klugen Unterscheidung, was jetzt dran ist und was zur Lösung am besten hilft. Die Knoten, die uns das Leben zumutet oder die wir uns selber schaffen, sind ja meist komplizierte menschliche Verwicklungen oder auch Knoten in unserer eigenen Seele.
Manchmal mag das Durchschlagen eines Knotens dran sein, eine klare und scharfe Trennung.
Aber wenn wir...

Friedrich+ Religion

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt ganz einfach mit F+ weiterlesen

  • 30 Tage kostenloser Vollzugriff
  • 5 Downloads gratis enthalten

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Religion

Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 2 / 2019

Kirche(n) entdecken

Friedrich+ Kennzeichnung Hintergrund Schuljahr 1-13