Christine Weg-Engelschalk

Gott erleben im Raum der Stille in der Schule1

Raum der Stille –ein Raum für alle Menschen in der Schule
Raum der Stille –ein Raum für alle Menschen in der Schule, Foto: © Hans-Joachim Engewald

Christine Weg-Engelschalk

Räume der Stille sind Begegnungsorte, in denen Kinder und Jugendliche religiöse Begegnung und Toleranz einüben. Frei von Leistungsdruck können sie im Raum der Stille zur Ruhe kommen. Ein Praxisbeispiel.

Religion sinnlich erleben
Eine fünfzehnjährige Schülerin erzählt von ihren wohltuenden Erfahrungen mit einem Kirchenraum: (Ich) „war dann da alleine für mich, das hat mir gut getan in dem Moment Also wenn zum Beispiel, wenn viele Kerzen da sind und wenn es warm wird, dann denke ich, ich bin geborgen.2
An diesem Beispiel zeigt sich die Bedeutsamkeit sinnlicher Erfahrungen für den Glauben von Kindern und Jugendlichen. Er zeigt sich stark individualisiert und steht damit in Spannung zu der „Erwartungshaltung der traditionellen Volkskirchen mit ihrer spezifischen Wortkultur und ihren institutions-, regel- und ritusgeleiteten Gemeinschaftsansprüchen.3 Für Jugendliche ist die Relevanz dieser Form von Religion für das eigene Leben kaum erkennbar.
Ergebnisse einer neuen Untersuchung zu Jugend, Glaube und Religion
Während andere aktuelle Studien davon ausgehen, dass der Glaube Jugendlicher immer mehr abnimmt, bestätigt die repräsentative Studie, die an der Universität Tübingen bei Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren durchgeführt wurde, die oben beschriebene Einschätzung.4 Dort heißt es, dass 52 Prozent der Jugendlichen an Gott glauben. 41 Prozent bezeichnen sich als gläubig, während sich nur 22 Prozent als religiös bezeichnen. Der Begriff „religiös wird mit Kirche in Verbindung gebracht und damit können sie wenig anfangen.
In einem Interview des Deutschlandfunks zu dieser Studie weist Friedrich Schweitzer auf eine weitere interessante Differenzierung hin: „Besonders auffällig und überraschend ist die große Zahl der Jugendlichen, die sagen, dass sie beten. Das sind drei Viertel der Jugendlichen. Das ist ein Befund, der mit vielen Vorurteilen aufräumt, dass Jugendliche kein Interesse an Religion hätten, dass sie keine Formen der religiösen Praxis mehr bräuchten.5 Friedrich Schweitzer deutet in diesem Interview die Tatsache, dass weit mehr Jugendliche sagen „Ich bete als „Ich glaube an Gott dahingehend, dass das Beten eine „versuchende, ausprobierende Haltung der jungen Leute zeige, die hinsichtlich der Gottesfrage unsicher seien.
Die Distanzierung von der Kirche kann also nicht mit einer grundsätzlichen Abwendung von religiösen Fragen und religiöser Praxis gleichgesetzt werden, auch nicht mit dem Verlust des Glaubens an Gott. An die Stelle traditioneller Vermittlung tritt selbstbestimmtes Ausprobieren.
Die Erprobung von Religion braucht besondere Orte
So auch im eingangs genannten Beispiel. Für die Erprobung von religiöser Praxis ist ein besonderer Ort, der die Sinne einer Fünfzehnjährigen anspricht, von elementarer Bedeutung. Die Anmutung des Raumes berührt sie in ihrer Leiblichkeit. Sie antwortet auf dieses Erlebnis, indem sie ihrem Glauben Gestalt gibt und Ausdruck verleiht: „Für mich mit Gott reden, Kerze anmachen, dasitzen und nachdenken.6
Räume geben, die zum Erleben von Religion einladen
Darum wäre es wünschenswert, wenn Schülerinnen und Schülern in einer religionssensiblen Schule ein Raum zur Verfügung gestellt wird, in dem sie Religion und Glauben in subjekthafter Unmittelbarkeit erleben und ausprobieren können.
Es könnte ein „Raum der Stille sein, weil es dort nicht um eine wortorientierte Auseinandersetzung mit Religion geht. Im Unterschied zur Feier eines Gottesdienstes bleibt es dort in der Regel dem oder der Einzelnen überlassen, wie und ob der Glaube oder die Weltanschauung dort in eine (religiöse) Praxis überführt wird, wie zum Beispiel in der Hinwendung zu Gott im Gebet.
Es ist ein Ort, der die Funktionszusammenhänge der Schule durchbricht. Während die Schule geprägt ist von Lernen, Leistung und Bewertung, können Kinder und Jugendliche hier abschalten, zur Ruhe kommen und für eine Weile den Leistungsdruck hinter sich lassen....

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Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 39 / 2020

Warum an Gott glauben?

Friedrich+ Kennzeichnung Praxis Schuljahr 5-10