Stefan Hermann

Die Frage(n) nach Sinn – eine sinnvolle Frage?

Stefan Hermann

Überlegungen zur Einführung ins Thema des Heftes

Ergibt es überhaupt Sinn, die Frage(n) nach Sinn zu stellen? Oder ist diese Frage völlig sinnfrei, weil das Sinnieren über Sinn wenig sinnig bis sinnlos ist? Stellt sich die Sinnfrage überhaupt noch? Und wenn ja, in welchem Sinn, mit welcher Sinnhaftigkeit?

Traditionell wird die Sinnfrage als menschliche Grundfrage verstanden. Jeder Mensch, so die Annahme, fragt sich, woher er kommt, wohin er geht und weshalb er überhaupt am Leben ist. Die Sinnfrage ist Ausdruck der Frage nach Herkunft und Zukunft, nach Grund und Ziel und Zweck des Lebens. Sinn ist demnach eine Frage der Orientierung, ein Versuch, das Gegenwärtige, Situative und Bruchstückhafte in ein Gesamtes einzuordnen und sich dabei seines Standpunktes zu vergewissern. Religiös gewendet wird die Suche nach Sinn als Suche nach einer die Gegenwart überschreitenden Perspektive und damit als Hinweis auf die Gottesfrage verstanden, zugespitzt in der Frage nach Gottes Gerechtigkeit angesichts des vielfachen Leids dieser Welt (Theodizee). Nicht zuletzt sind die klassischen Gottesbeweise Ausdruck einer Suche nach Sinn, wenn sie Gott beispielsweise als Urgrund, Grundimpuls und höchstes Ziel allen Seins zu verstehen versuchen.
Sinndilemmata
„Wofür macht es Sinn, zu leben? Auch wenn diese Frage immer weniger selbstverständlich zu sein scheint, scheint sie in anderen Spielarten weiter unbewusst präsent zu sein: Wofür lohnt es sich einzusetzen? Was ist sinnhaft oder widersinnig? Oder noch weiter gefasst in der Frage nach dem guten Leben oder danach, wie ich leben soll. Sinn und Sinnhaftigkeit wird deutlich im Versuch, eine Selbstwirksamkeit oder einen subjektiven, möglicherweise auch allgemeinen Nutzen abzuleiten, sei es in reflektierter Vorausschau oder Rückschau. Die Frage nach Sinn hat offenbar auch mit „der Bedeutung und dem Wert unseres Lebens, mit unserer Identität zu tun. Nicht von ungefähr neigen Menschen dazu, die Erfahrungen ihres Lebens in eine möglichst stimmige Geschichte, in ein sogenanntes Narrativ zu kleiden. In dieser subjektiven Redaktionsarbeit (Sören Kierkegaard) bleibt jedoch in der Regel eine Kluft zwischen den Geschichten, wie sie wirklich waren, und der Geschichte, die aus den Geschichten als Sinn-Geschichte konstruiert wird. Der Philosoph Dieter Thomä bestreitet, dass der Mensch wie von höherer Warte aus das eigene Tun und Leben zu einer einzigen linearen Geschichte verweben könnte; wir sollten uns mit der Bruchstückhaftigkeit zufrieden geben, ein Aspekt, der im Blick auf die Bruchstückhaftigkeit des Seins auch theologisch reflektiert wird (Henning Luther). Und dennoch steht aus neurobiologischer Sicht fest, dass Lernen eines Metakonzeptes bedarf, das neue Erfahrungen in bestehende, sich dadurch aber transformierende Kohärenz integriert und zugleich Identitätsbewusstsein und ein Bewusstsein von Würde konstituiert (Gerald Hüther).
Was hilft? Eine „Sinn-Diät, zumal wir zum (Über)Leben eigentlich nichts mehr brauchen (Rebekka Reinhard)? Ein Sinn-Verzicht mit der Gefahr, sich entweder haltlos im Fluss von Sein und Werden zu verlieren (Peter Sloterdijk) oder sich auf die scheinbar sicheren Trittsteine von Fatalismus, unentrinnbarer Vorherbestimmtheit oder mutig angenommener Absurdität zu flüchten (Albert Camus)? Die Zuflucht in Vertrauen als einer risikobehafteten Vorleistung, die Komplexität reduziert (Niklas Luhmann), als Annahme von Verletzlichkeit (Annette Baier)? Die Rückkehr in den Urgrund der Philosophie, das weisheitsliebende Staunen (Platon) oder die zynisch anmutende Skepsis, die darum weiß, dass keine Lebenserfahrung ernst zu nehmen ist, weil nicht sicher davon ausgegangen werden kann, dass sie wirklich und wahr ist (Pyrrhon)? Oder vielleicht doch eine innere Haltung, ein Ethos, das mit der Wechselhaftigkeit des Lebens angemessen umzugehen vermag?
Und doch: Das Dilemma bleibt. Denn einerseits sind die Grenzsituationen des Lebens, die Erfahrungen...

Friedrich+ Religion

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 2 / 2018

Auf der Suche nach Sinn

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13