Stefan Hermann

Des Menschen Recht auf Menschenrecht

Déclaration des droits de l‘homme et du citoyen aux representans du peuple françois von Jean-Jacques-Francois Le Barbier (1738–1826), 51 x 76 cm, Musée Carnavalet, Paris
Déclaration des droits de l‘homme et du citoyen aux representans du peuple françois von Jean-Jacques-Francois Le Barbier (1738–1826), 51 x 76 cm, Musée Carnavalet, Paris, © gemeinfrei

Stefan Hermann

Ein Recht aller Menschen auf einen Umgang in Menschenwürde

Menschenwürde und Menschenrecht sind Begriffe, die geläufig sind. Doch wie sind sie aufeinander bezogen und inhaltlich bestimmt? Wie lassen sie sich so begründen, dass die Begründung einerseits ihrem universellen Anspruch gerecht wird, andererseits aber auch die Pluralität der Kontexte abbildet, in denen sie gültig und entstanden sind? Inwiefern bedingen Menschenrechte auch Menschenpflichten?

Die Frage von Menschenwürde und Menschenrechten stellt sich gegenwärtig in vielen Kontexten. Nicht zuletzt wird kontrovers diskutiert, inwiefern über die formale Geltung hinaus konkrete inhaltliche Bestimmungen und Umsetzungen jenseits weltanschaulicher und religiöser Partikularperspektiven universal vergleichbare Bedeutung besitzen.
Der Zusammenhang zwischen Menschenwürde und Menschenrechten ist keine Selbstverständlichkeit und wird in Verfassungstexten selten in einem so engen Miteinander formuliert wie in Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Wird dort in Artikel 1 Absatz 1 die Unantastbarkeit der Menschenwürde formuliert, findet sich in Artikel 2 die Formulierung zur Unverletztlichkeit und Unveräußerlichkeit der daraus abgeleiteten Menschenrechte sowie in Artikel 3 der Hinweis auf die darauf basierenden Grundrechte. Zugleich sind in den drei Artikeln die wesentlichen Adressaten genannt: Der Staat hat die Menschenwürde zu achten und zu schützen, die menschliche Gemeinschaft, Frieden und Gerechtigkeit in der Welt fußen auf den Menschenrechten, die exekutive und die judikative Gewalt sind an die Grundrechte gebunden, deren Ewigkeitscharakter in Artikel 79 Absatz 3 festgehalten ist. Menschenwürde und Menschenrechte sind damit in alle Kontexte menschlichen Lebens eingebunden: der Mensch als Individuum in seinem Zusammenleben in der sogar weltweiten Gemeinschaft sowie der Staat als Organisationsform des Zusammenlebens in allen Bereichen der Gewaltenteilung von Legislative, Exekutive und Judikative.
Menschenwürde und Menschenrechte gelten weithin als westlich geprägte Tradition, was deren Akzeptanz beispielsweise in der islamischen Welt in nicht geringem Maß erschwert. Nicht zuletzt bedarf die Begründung der Menschenrechte eines universal gültigen Fundaments sowie einer entsprechenden Hermeneutik des Gehaltes der Menschenrechte.
Aus diesem Grund ist zunächst ein Blick in die Entstehungs- und Bedeutungsgeschichte wichtig, um anschließend deren Kontextualisierung insbesondere in der islamischen Tradition zu verdeutlichen.
Zusammenhänge: Menschenwürde und Menschenrechte
Die Frage nach der Würde des Menschen war in der Antike zunächst eine Frage individueller Ehre (dignitas, honestas) bestimmter „Würdenträger aufgrund eines besonderen gesellschaftlichen Status, Amtes oder Vermögens bzw. besonderer Tugendhaftigkeit. Zugleich entstand jedoch die Frage nach der Besonderheit des „Menschengeschlechts in Unterscheidung zu anderen Lebewesen. Sie schwankte zwischen der Beschreibung des Menschen als quasigöttliches oder von Gott beauftragtes Herrschaftswesen und seiner Mangelhaftigkeit, sowie seiner besonderen Exzellenz als Vernunftwesen, das seine Affekte und Leidenschaften zu beherrschen weiß.
In der jüdisch-christlichen Traditionslinie finden sich Ankerpunkte zur Bestimmung einer besonderen Menschenwürde sowohl in der Gottesebenbildlichkeit des Menschen im Zusammenhang der Schöpfung als auch im Blick auf die christologisch fundierten Aussagen der Christusbildlichkeit und der Gotteskindschaft bei Paulus. Die Sündenlehre verwehrte jedoch zunächst eine konkrete Ausformung dieses Aspekts zu einer Konzeption konkreter Menschenrechte, auch wenn Martin Luther in seiner Auslegung des Magnificat von 1521 sogar explizit von einem „groben menschlichen recht spricht und dieses über personale Beziehungen und materielle Güter hinaus auch auf immaterielle Güter wie „Ehre bezieht. Auch die säkularisierten und...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 1 / 2019

Menschsein verpflichtet

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13