Bärbel Husmann

„So eine schöne Kirche!“

Barockkirche der ehemaligen Abtei Corvey bei Höxter
Barockkirche der ehemaligen Abtei Corvey bei Höxter, Foto: © imago images/Jochen Tack

Bärbel Husmann

Wahrnehmung und Urteilsbildung

Thematischer Schwerpunkt
Kirchenräume sind nur in wenigen Bundesländern Thema des Religionsunterrichts (Ausnahme: Bayern Jg. 7 im Lernbereich „Glaube findet Sprache). Sie spielen allenfalls eine Rolle beim Thema „Evangelisch katholisch; dann aber wird in der Regel nur konfessionell signifikantes Inventar thematisiert. In aller Regel aber werden im Religionsunterricht der Raum und seine ästhetische Qualität vermeintlich gut evangelisch übergangen. Luther hat zu Recht ein evangelisches Raumkonzept entworfen, das den Schwerpunkt darauf legt, ob in diesem Raum „Kommunikation des Evangeliums (Ernst Lange)1 stattfindet oder nicht. Kirchenpädagogische „Übungen, die das angeblich Heilige des Raumes an sich inszenieren, stehen darum gerade nicht in reformatorischer Tradition. Gleichwohl haben auch Luther und Calvin in Kirchenräumen gepredigt, und zwar in Kirchenräumen, die ästhetisch gestaltet und bewusst anders gestaltet waren als die eigene Wohnung. Die Ästhetik eines Raumes kann die Kommunikation des Evangeliums behindern oder fördern. Sie kann ablenken oder konzentrieren das ist nicht anders als in Schulräumen. Deswegen ist es wichtig, diese Seite der gemeinschaftlich gelebten Praxis des christlichen Glaubens auch unterrichtlich nicht zu vernachlässigen.
Lernsituation
Die meisten Jugendlichen finden „ihre Kirche schön, also die, die ihnen während ihrer Konfirmandenzeit vertraut geworden ist. Diejenigen, die nicht konfirmiert wurden, kennen Kirchen aus Besichtigungen im Urlaub hier finden sie oft schön, was monumental und daher beeindruckend ist. Musliminnen und Muslime haben meist noch nie eine Kirche von innen gesehen. Dazu kommen Voreinstellungen in Bezug auf die Baustile: Typisch sind beispielsweise Gleichsetzungen von „barock und „katholisch in Norddeutschland, wo es nur wenige Barockkirchen gibt (s. Abb. 1).
Lernimpuls
„Welche Erfahrungen verbinden sich für euch mit Kirchenräumen? Diese Frage bildet den ersten Lernimpuls. Sie dient zugleich dazu, das Vorwissen und die Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler zu ermitteln. Man kann erfahren, ob es wirklich so ist, wie Rupp (in M5) schreibt, dass junge Leute im Urlaub Kirchen besuchen. Man kann ins Gespräch kommen über erste private Konzepte von Schönheit in Bezug auf Kirchenräume. Man kann in einen Austausch darüber kommen, wie sich Touristen in Kirchenräumen benehmen und ob die Schülerinnen und Schüler selbst Kirchenräume eher als Baudenkmäler wahrnehmen oder/und als „Anders-Orte für die Kommunikation mit Gott.
Lernarrangement
1. Lernschritt
Wie sich Räume differenziert wahrnehmen lassen Übungen
In diesem ersten Schritt geht es darum, zwei Möglichkeiten auszuprobieren, die „Sprache eines Kirchenraumes zu entdecken (vgl. Husmann 2004). Die eine (M1 ) ist ein Fragebogen zur Raumwahrnehmung mit polaren Begriffspaaren und die andere (M2 ) das auf Raumerfahrungen angewendete Kommunikationsmodell von Schulz von Thun (s. Kasten).
Beide Arten, Raumwahrnehmungen zu differenzieren und zu beschreiben, müssen im Rahmen einer Exkursion angewendet werden oder im Rahmen einer Hausaufgabe. Letzteres ist besser, weil dann sichergestellt ist, dass alle Schülerinnen und Schüler wirklich für sich arbeiten. Beide Methoden müssen anschließend ausführlich im Unterricht reflektiert werden. Das kann geschehen, indem die Ergebnisse von Aufgabe 2 (M1) vorgelesen werden, ohne den dazugehörigen Raum sofort zu benennen, und im Gespräch andersartige Wahrnehmungen ausgetauscht werden. Bei M2 können alle Aspekte der Wahrnehmung im Gespräch geteilt werden. Hier kommt es darauf an herauszuarbeiten, welche Anteile der „Text des Raumes hat und welche Anteile die eigene Persönlichkeit. Konsens ist vermutlich darüber herzustellen, dass ein Raum nur dann als „geheiligter Raum empfunden werden kann, der offen für die Kommunikation mit Gott und die Botschaft des Evangeliums ist, wenn er deutlich als...

Friedrich+ Religion

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Religion!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Religion 5-10 und entwurf
  • Umfassendes Archiv mit über 300 didaktischen Beiträgen, Unterrichtseinheiten, Arbeitsblättern, Grafiken, Filmen, Aufgaben, Differenzierungsmaterial, Methodenkarten, Spielen  u. v. m.
  • Jährlich über 100 neue Beiträge mit Unterrichtseinheiten zu lehrplanrelevanten Themen

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Religion

Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 40 / 2020

Schön und gut?

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht Schuljahr 9-10