Hartmut Rupp

Kirche und Kirchenpädagogik

Noch immer prägen Kirchengebäude die Silhouette von Städten
Noch immer prägen Kirchengebäude die Silhouette von Städten, © owik2/photocase.com

Hartmut Rupp

Didaktische Überlegungen zur Erkundung von Kirchengebäuden

Kirchenbauten repräsentieren im öffentlichen Raum Kirche und bringen christliche Religion in ihrer konfessionellen Gestalt zum Ausdruck. Kirchenpädagogik entwirft für unterschiedliche Adressaten Wege, den Kirchenraum wahrzunehmen und für sich selbst zu deuten. Diese Wege setzen jedoch ein angemessenes Verständnis des Kirchenraumes und des Kirchengebäudes voraus.

Der Sinn einer Kirche 1
In seiner Predigt zur Einweihung der Schlosskirche in Torgau am 5. Oktober 1544 sagte Luther in einer Predigt über Lk 14,1-6: Kirchen sind dazu da, „dass nichts anderes darin geschehe als dass unser Herre selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang. Kirchen sind demnach dazu da, dass es zu einem strukturierten Kommunikationsprozess kommt, in dem die Teilnehmenden Gott in seinem Wort begegnen. Bei dieser Begegnung handelt Gott in Lesung und Predigt, in Wort und Sakrament sowie im Segen. Gott begegnet in Zuspruch und Anspruch, in Trost und Verheißung. Das Handeln der Menschen zeigt sich in Singen und Sprechen, in Schweigen und Hören, im Bekennen und Bitten, in Danken, Loben und Klagen. Dieses Begegnungsgeschehen hat leiblich-sinnliche Gestalt. Dazu gehören Gehen und Stehen, Sitzen und Knien, Augen schließen und Hände falten, Schmecken und Berührtwerden.2
Die Kirche bietet dafür einen Raum, der dem liturgischen Geschehen entspricht3 und dieses unterstützt. Sie bringt durch die Atmosphäre des Raumes4 Menschen in Stimmung und weist mit ihren Zeichen auf die entscheidenden Inhalte hin, die in dem „Wortgeschehen mitgeteilt werden. Der evangelische Kirchenraum richtet die Gottesdienstteilnehmer auf Kanzel, Altar und Taufstätte aus und lässt so Kirche im Sinne des Augsburger Bekenntnisses verspüren: Kirche ist die „Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden (CA VII). Sie richtet den Einzelnen auf das offenbarte, geschriebene und verkündigte Wort Gottes aus, worauf die geöffnete Bibel auf dem Altar verweist. Das allen vor Augen stehende Altarkreuz verweist zudem auf das „Wort vom Kreuz, das nach evangelischem Verständnis das Zentrum der biblischen Botschaft ausmacht. In der leiblichen Ausrichtung auf Bibel und Kreuz wird eine protestantische Lebenshaltung dargestellt und geformt. Mancherorts wird diese Haltung durch eine bestimmte Rauminstallation weiter unterstützt. Man geht durch den Mittelgang auf den Altar mit der aufgeschlagenen Bibel zu, sieht dahinter das Kreuz mit dem gekreuzigten Jesus und darüber das Kirchenfenster mit seiner Auferstehung. Dies symbolisiert den Lebensweg von Christen, die sich im Leben an der Heiligen Schrift orientieren, auf den Tod zugehen und auf die Auferstehung hoffen.
Durch das Gestühl werden die Einzelnen in die Gemeinschaft der Getauften eingefügt, die auf das „Wort hört und darauf „Antwort gibt. Evangelische Existenz wird als Leben in Verantwortung vermittelt. Die Ostung des Raumes, die Lichtführung, die Akustik, die Länge, Höhe und Breite des Raumes aber auch die Fenstermotive und die Farben schaffen eine Atmosphäre, die die Mitfeiernden für die Begegnung mit dem Wort Gottes präpariert.
Kirchenpädagogik will dazu verhelfen, diese „Theologie des Raumes bewusster wahrzunehmen, aber auch explizit erleben und reflektieren zu lassen. Beliebt ist zum Beispiel das Kanzellesen, in dem die Teilnehmenden sich aus einer Sammlung einen Bibeltext auswählen, auf der Kanzel vortragen und einen Satz formulieren, warum sie gerade diesen Bibeltext ausgewählt haben. Danach kommt es zu einem Gespräch über die Erfahrungen mit dem vielfältigen Kanzellesen.
Durch seine äußere Gestalt kommuniziert das Kirchengebäude mit seiner Umwelt. Meist geht man über Stufen in dieses hinein und beschreitet so eine Art Berg, der auf die Berge der Gottesoffenbarung in der Bibel verweist...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 2 / 2019

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