Michael Landgraf

Kirche in bunter Vielfalt entdecken

Kirche – ein Haus aus Steinen, ein Haus aus Menschen
Kirche – ein Haus aus Steinen, ein Haus aus Menschen, © Gerhard Hofmann, Neustadt an der Weinstraße

Michael Landgraf

Über das Haus aus Steinen und aus Menschen

Unterschiedliches verbinden Menschen mit dem Wort „Kirche. Sie assoziieren damit das Gebäude, den Gottesdienst, die Institution mit ihrer Geschichte, deren haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende, die Leitungsebene sowie die konfessionelle oder ökumenische Gemeinschaft von Glaubenden. So ist es eine Herausforderung, Kirche in ihrer bunten Vielfalt zu entdecken und gleichzeitig sich selbst als Teil von ihr zu verstehen.

„Glaube ja Kirche nein! titelte plakativ die Augsburger Allgemeine im Jahr 2015. Dies ist keine seltene Aussage im gesellschaftlichen Diskurs. Laut einer Umfrage unter Jugendlichen aus dem Jahr 2018 befanden zwar 69% der Befragten: „Ich finde es gut, dass es die Kirche gibt, allerdings sagten 67% auch: „In der Kirche muss sich etwas ändern und 64% „Die Kirche hat keine Antworten auf meine Fragen.1 Geklärt wurde dabei nicht, was die Jugendlichen unter Kirche verstehen.
Der Begriff „Kirche trägt eine große Bedeutungsvielfalt in sich, die ein Gespräch darüber nicht leicht macht. Ansatzweise eignet sich das Symbol „Haus, um die Ebenen zu fassen. Eine Kirche ist ein Haus aus Steinen, ein Versammlungsort für Menschen, der unterschiedlich aussehen kann. Kirche ist aber auch ein Haus aus Menschen, eine Gemeinschaft, die organisiert werden muss.2 Dabei liegt die Wurzel des Begriffes „Kirche in einer Vision begründet. Das griechische „Kyriakos, „zum Herrn gehörend, kommt in Wendungen wie „der Tag des Herrn (Apk 1,10) oder „das Mahl des Herrn (1. Kor 11,20) vor und umschreibt die endzeitliche Gemeinschaft mit Gott im Reich Gottes. Ein Verständnis von Kirche als ein Haus aus Menschen findet sich eher im Begriff „Ekklesia, als versammelte Gemeinschaft der „Herausgerufenen.3 Verwendet wird er für eine Gemeindeversammlung (1. Kor 11,18), eine konkrete Gemeinde (Phil 4,15), eine Hausgemeinde (1. Kor 16,19) oder die universale Kirche (Mt 16,18; 1.Kor 6,4). Kirche entsteht schon da, wo zwei oder drei Menschen in Jesu Namen zusammenkommen (Mt 18,20). Nachhaltig wirkende Bilder vergleichen die Gemeinschaft mit einem „Schiff (Mt 8,23ff.) oder dem „Leib Christi (Röm 12,4f., 1. Kor 12,27; Eph 1,23), also dem Zusammenspiel zwischen Christus als Haupt und den Gliedern, die unterschiedliche Gaben und Funktionen haben.4 Die Gemeinschaft sollte keine Unterschiede zwischen ihren Gliedern machen (Gal 3,28), doch bildeten sich bereits in der Zeit des Neuen Testaments Ämter wie die Ältesten (Presbyter), Vorsteher (Episkopos) und Diakone heraus, also erste Ansätze einer Institutionalisierung, wobei sich die Urgemeinde wohl noch als Dienstgemeinschaft verstand (Apg 2; 4; 6). In späterer Zeit entwickelten sich sehr unterschiedliche Formen von Organisationen und Institutionen, sei es der eher hierarchisch strukturierte Katholizismus, die synodalen protestantischen Formen bis hin zum Gemeindekirchenprinzip vieler Freikirchen.
Ein Verständnis von Kirche als ein Haus aus Steinen entwickelte sich erst in nachbiblischer Zeit. Während Jesus, seine Jünger und auch Paulus noch Synagogen und den Tempel in Jerusalem be-suchten, trafen sich Urchristen in Privathäusern, besannen sich auf biblische Texte, beteten gemeinsam und speisten miteinander. Die Geschichte des Kirchbaus begann erst im vierten Jahrhundert unter Kaiser Konstantin mit einem Stil, der einer antiken Königshalle, der Basilika, nachempfunden war. Der Übergang von Versammlungen in Privathäusern zur Basilika markierte dabei einen theologischen Wandel. Statt den Kirchenraum primär als Versammlungsraum der Gemeinschaft zu sehen, ging es nun auch darum, Gottes Herrschaft durch Architektur und Bilder hervorzuheben. Bis heute stellt sich daher die Frage, wie dieser Versammlungsraum gestaltet sein soll: Soll eine Kirche prunkvoll den „Himmel auf Erden5 abbilden wie in orthodoxen Kirchen oder im Barock, oder soll sie lieber schlicht sein, damit nichts vom Wort Gottes ablenkt...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 2 / 2019

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