Paul Metzger

Kirche

Brennende Kathedrale Notre Dame, 15.04.2019, Paris
Brennende Kathedrale Notre Dame, 15.04.2019, Paris, © picture alliance / Photoshot

Paul Metzger

Eine Bestandsaufnahme

In der Kirche hört man die Stimme Gottes. Ohne das Reden und das Handeln Gottes gibt es keine Kirche. Kirche ist da, wo Gott redet. Solange Gott redet, wird es deshalb Kirche geben. Der Zuspruch Christi ist deshalb gerade heute der Trost jeder Kirche: „Die Mächte der Hölle sollen sie nicht überwältigen! (Mt 16,18) Sicher bleibt die Kirche nicht die Kirche, wie wir sie heute kennen. In Variation eines Klassikers der amerikanischen Rockgruppe REM könnte man sagen: „Its the end of the Church as we know it and I feel fine.

Die permanent zu hörende und sich mittlerweile zum Mantra von Kirchenleitungen entwickelnde Prognose, dass die Kirche älter, kleiner und weniger werde, zeugt von einer erschreckenden, marktwirtschaftlich anmutenden Orientierung an irdischen Kriterien. Deshalb entwickelt Kirche zumindest in Gestalt des landeskirchlich organisierten Protestantismus gegenwärtig aufgrund fehlenden Selbstbewusstseins kaum die Kraft, der Welt, von der sie ein Teil ist, Orientierung und Hoffnung zu vermitteln. Weil das Selbstbewusstsein aus dem Gottesbewusstsein kommt, weil Kirche von Gott her lebt oder eben gar nicht lebt, deshalb muss Kirche heute über ihre Organisation hinaussehen. Das Wesen der Kirche wird nicht von der Zahl der Mitglieder bestimmt. Will Kirche ihren Auftrag erfüllen, die frohe Botschaft auszurichten, muss sie sogar von sich absehen. Denn permanente Strukturdebatten, Fusionsgespräche und Regionalisierungsprozesse verstellen den Blick für neue Perspektiven. Es fehlt der Mut, alte Gewohnheiten loszulassen und neue Wege zu suchen. Der Münchner systematische Theologe Jörg Lauster diagnostiziert deshalb zu Recht: Die evangelische Kirche wirkt „bisweilen wie ein ausschließlich mit sich selbst beschäftigter Stuhlkreis, der von Sorge um den eigenen Bestand und dem Ärger darüber angefressen und darum phantasielos geworden ist.1 Phantasie und Mut das sind die Mittel, die der Kirche helfen, wieder attraktiv zu werden.
Die Kirche in theologischer Perspektive
Um diesen Mut zu finden, muss das Zentrum dessen, was Kirche ist, klar sein. Martin Luther konnte noch behaupten, dass jedes Kind von sieben Jahren erklären könne, was die Kirche sei: „nämlich die heiligen Gläubigen und ,die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören (Joh 10,3) (Schmalkaldische Artikel III,12). Diese Einschätzung ist heute nicht mehr zutreffend so sie es denn je war. Bereits der Gebrauch des Begriffs „Kirche weist auf verschiedene Bedeutungen hin.2
Das Neue Testament unterscheidet zwischen dem, was Kirche von Gott her und was sie empirisch beschreibbar ist. Diese Kirche ist laut 1. Kor 3,11 durch Christus grundgelegt. Ohne Christus kann keine Kirche sein. Nur aus der Offenbarung Gottes in Christus folgt die Sammlung der Gläubigen vor das Angesicht Gottes. Nur durch den Ruf in die Nachfolge wird das verstreute Volk Gottes gesammelt, werden die Kinder Gottes heimgeführt (vgl. Röm 9,24-26; 2. Kor 6,16). Der christologische Bezug der Kirche ist deshalb die erste und letztlich entscheidende Aussage des Neuen Testaments, die festzuhalten ist. Durch Person und Werk Christi wird die Kirche gegründet als Gemeinschaft derer, die in Christus sind (vgl. Röm 6,11.23; 8,1f. u.v.m.). Durch Tod und Auferstehung Christi gewinnt der glaubende Mensch Anteil am ewigen Leben. Durch die Verkündigung des Evangeliums, der frohen Botschaft von der Liebe Gottes, erwacht im hörenden Menschen der Glaube. Indem er daraufhin die Taufe empfängt (vgl. Röm 6,3), wird er in die Gemeinschaft der Getauften aufgenommen: in die Kirche.
In diesem Sinn muss die Gemeinschaft der Glaubenden als eine neue Realität verstanden werden. Ihre Versammlung ist der Leib Christi. Damit ist eine neue Wirklichkeit in dieser Welt kon-stituiert. Indem der Mensch Anteil gewinnt an der Gerechtigkeit Christi, die ihm im Glauben zugeeignet wird, wird er aufgenommen in dieses neue Sein. Doch ist dies kein Geschehen,...

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aus: Entwurf Nr. 2 / 2019

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