Sandra Wolff

Das Treffen zwischen dem Heiligen und dem Sultan

Giotto di Bondone: Der Heilige Franziskus vor dem Sultan2. Fresko, um 1295/1300, ca. 270 × 230 cm. Assisi, S. Francesco (Oberkirche, Langhaus, 1. Joch, Nordwand).
Giotto di Bondone: Der Heilige Franziskus vor dem Sultan2. Fresko, um 1295/1300, ca. 270 × 230 cm. Assisi, S. Francesco (Oberkirche, Langhaus, 1. Joch, Nordwand).

Sandra Wolff

Franz von Assisi: Friedensstifter, Vermittler, Märtyrer oder doch nur Kreuzfahrer?

Im Jahr 2019 wurde mit zahlreichen Veranstaltungen und Initiativen an das historisch belegbare Treffen zwischen Franz von Assisi und dem ägyptischen Sultan al-Malik al-Kamil 800 Jahre zuvor erinnert2, das vielen als „frühes Beispiel des Kulturdialogs3 gilt. Doch worauf gründet diese Deutung und ist sie die einzig gültige? Die folgende Unterrichtssequenz führt die Schülerinnen und Schüler exemplarisch mit dieser Episode in die Problematik der Interpretation von Quellen zum Leben und Wirken eines Heiligen ein und möchte so zu einem eigenständigen und bewussten Umgang mit der Überlieferung anregen.

Einführung
„Es gibt wohl keine Deutung der Gestalt des Heiligen, so wissenschaftlich sie auch sei, in die nicht die Subjektivität des jeweiligen Autors eingeflossen wäre. Jeder hat seinen Franziskus4, urteilt Klaus Rebelin 2006 im Vorwort seiner Biographie und verweist damit auf eines der grundlegendsten Probleme bei der Beschäftigung mit dem Leben Franz´ von Assisi. Findet man doch nicht nur in der weitverzweigten franziskanischen Hagiographie, sondern auch im Bereich der Franziskusforschung zahlreiche Interpretationen des Lebens und Wirkens dieses Heiligen, mit deren Hilfe vor allem auf die Leserschaft und damit auf die jeweilige Gegenwart eingewirkt werden sollte.5
Während die meisten Episoden des Lebens von Franz von Assisi legendenhaft verklärt und historisch kaum belegbar sind, lassen sich für die auf 1219 datierbare Begegnung zwischen ihm und dem ayyubidischen Sultan al-Kamil, einem Neffen Saladins, im ägyptischen Damiette während des Fünften Kreuzzuges haltbare, zeitgenössische Quellenbelege finden. Gleichzeitig existieren in der Überlieferung dazu typischerweise viele, teils stark voneinander abweichende Versionen des Treffens, die mit individuellen Intentionen der Autoren und/oder der Auftraggeber bzw. der zunehmenden Legendenbildung rund um den Heiligen verknüpft sind. Entsprechend unterschiedlich fallen dann auch je nach Quellengrundlage, Standpunkt und Intention die Deutungen der Begegnung in Kirche und Forschung aus. So sehen einige in Franz von Assisi einen weit in die Zukunft weisenden Vorreiter des interreligiösen Dialogs, feiern ihn als Gegner des Kreuzzuges und vorbildhaften Friedensstifter. Andere erkennen in ihm stärker ein Kind seiner Zeit, betonen seine Missionsabsicht, mit Blick auf seine neue Bewegung auch das Streben nach dem Martyrium oder sprechen gar von einem „eher kläglich[en] „Auftritt vor dem Sultan, der als Ausdruck jener ergreifenden und zugleich nachhaltig irritierenden Spontaneität von Franz von Assisi6 verstanden werden kann. Darüber hinaus zeigen zum Beispiel die Feierlichkeiten rund um das Jubiläumsjahr 20197, dass einige dieser Deutungen des historischen Ereignisses im Jahr 1219 noch heute wirkmächtig sind und entsprechende Fakten etwa das „Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt8, das unter Berufung auf das damalige Treffen von Papst Franziskus und dem Großimam Ahmed al-Tayyeb 2019 in Abu Dhabi unterzeichnet wurde nach sich ziehen können.
Berücksichtigt man die vielfältige Überlieferung und bezieht die sich daraus ergebenden kontroversen Interpretationen mit in die Überlegungen ein, zeigt sich das didaktische Potenzial dieser kleinen Episode aus dem Leben eines Heiligen. Können doch die Schülerinnen und Schüler bei einer problemorientierten Auseinandersetzung mit den multiperspektivischen Quellen und den unterschiedlichen Deutungen durch Kirchenhistoriker exemplarisch mit der für das Mittelalter typischen Quellenlage und den daraus resultierenden Problemen für die Forschung vertraut gemacht und so für einen kritischen Umgang mit überlieferten Traditionen sensibilisiert werden. Gleichzeitig dürften ihnen durch die Beschäftigung mit dieser außergewöhnlichen Begegnung beziehungsweise den damit...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 4 / 2020

Franziskus von Assisi

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13