Harmjan Dam

„Back to the basics“

„De Grote Kerk“ in Hoorn beherbergt heute u.a. einen Lebensmittelmarkt, ein Shoppingcenter sowie Geschäfts- und Veranstaltungsräume
„De Grote Kerk“ in Hoorn beherbergt heute u.a. einen Lebensmittelmarkt, ein Shoppingcenter sowie Geschäfts- und Veranstaltungsräume , Fotos © Harmjan Dam

Harmjan Dam

Die niederländische Kirche in einer stark säkularen Gesellschaft

Gemeinsam mit den östlichen deutschen Bundesländern gehören die Niederlande zu den am meisten entkirchlichten Gebieten Europas. Nur 17% der Bevölkerung besuchen heutzutage regelmäßig (einmal pro Monat) einen Gottesdienst.

Im Jahr 1889 gehörten noch 98% der niederländischen Bevölkerung einer Kirche an. Im Jahr 2008 waren schon über 40% nicht kirchlich gebunden. Die Zahl lag 2015 sogar bei 50%. Waren vor 100 Jahren die Niederlande noch ein protestantisches Land, 60% der Bevölkerung waren Mitglieder einer evangelischen Kirche, rechnen sich jetzt nur noch 15,5% der Bevölkerung zu den evangelischen Kirchen. 24% sind katholisch, vor allem in den südlichen Landesteilen.
Motive der Säkularisierung
Die Motive der Säkularisierung sind in den Niederlanden schon seit den 1930er-Jahren erforscht (Kruyt, 1933). Die letzte Dissertation zu diesem Thema (Manfred te Grotenhuis, 1999) bestätigt, dass es sich um einen unumkehrbaren Prozess handelt. Dies nimmt den Kirchen manche Illusion, zum Beispiel, dass durch eine missionarische Großoffensive eine Kehrtwende herbeizuführen sei (vgl. Paas, 2016). Auch dachte man lange, dass die Menschen zur Kirche zurückkehren, wenn sie älter werden und dann mehr mit ihrer Endlichkeit und mit Krankheiten konfrontiert werden. Den Schritt aus der Kirche vollziehen Menschen aber bis zum Alter von 40 Jahren und kehren dann nicht mehr zurück. Wenn die Eltern unkirchlich sind, haben sie Kinder, die auch nicht mehr zur Kirche gehen. Auch zeigt sich, dass in kirchlichen Familien, die immer wöchentlich den Gottesdienst besuchten, sogar mehr Kinder aus der Kirche austreten als Kinder von Familien, die ein eher lockeres Verhältnis zu Kirche hatten. Neben bekannten Faktoren wie Bildung, Fernsehen, Mobilität usw. spielt auch die Partnerschaft bei der Entkirchlichung eine große Rolle: Wer einen nicht-kirchlichen Partner heiratet, verlässt dafür die Kirche ohne Rückkehr. Zwar sind, laut Umfragen, Kirchgänger stärker gesellschaftlich integriert und glücklicher, aber man muss festhalten, dass im Jahr 2015 die Hälfte der Niederländer gut lebt ohne Gott. Sie vermissen Religion nicht, und die Welt hat für sie ihren göttlichen Glanz definitiv verloren.
2000 Kirchengebäude zu viel
Die „Taskforce Zukunft Kirchengebäude erwartet, dass bis 2030 von den 7000 niederländischen Kirchen etwa 1500 bis 2000 abgestoßen werden müssen. Vor 1975 wurden in den städtischen Neubauvierteln vie-le Kirchen gebaut: eine katholische, eine (liberal-volkskirchliche) „Hervormde, eine (orthodox-freikirchliche) „Gereformeerde. Das war damals schon zu viel, aber durch die Fusion mehrerer evangelischen Kirchen im Jahr 2004 zur PKN (Protestantse Kerk in Nederland) ist darum jetzt schon wenigstens eines der drei Gebäude überflüssig. Manche Kirchen werden an kleinere evangelikale Gruppen verkauft, andere zu Moscheen umgewandelt (5% der Bevölkerung sind Muslime), wieder andere werden zu Wohnhäusern, Buchhandlungen, Teppichhallen, Theatern usw. umgebaut oder ganz abgerissen.
Zurück zum Kerngeschäft
Im Frühjahr 2016 hat die Synode (das höchste Parlament) der PKN einen wegweisenden Bericht angenommen, in dem die Umrisse für „Kerk 2025 dargelegt werden.
„Als Jesus damals seine Jünger zu zweit ausgesandt hat, gab er ihnen den Auftrag, keinen überflüssigen Ballast mitzunehmen. Kein Geld, keine zwei Hemden. Nur Sandalen für unterwegs (Mk 6,7-9). Mit diesem Satz fängt der Synodenbericht an. „In unserer Zeit bekommen die Worte Jesu ‚nur Sandalen für unterwegs neue Aktualität. Wir schleppen zu viel mit, wir sind gefangen in unserer Kirchenkultur, wir sind Verwaltungskirche geworden. Höchste Zeit zu entrümpeln und zurückzukehren zum Kerngeschäft: Back to the basics. Dieses Kerngeschäft umfasst drei Punkte:
  • „In der Kirche höre ich Worte, die ich nirgendwo anders höre. Diese Worte werden ‚Evangelium genannt, eine gute Nachricht von...

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Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 30 / 2018

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