Horst Heller

Weihnachten im Religionsunterricht und in der Schule

© Petra Schöbel

Horst Heller

Was soll an Weihnachten in der Schule gelernt und wie soll gelehrt werden?

Letztes Jahr in einer Grundschulklasse: Weihnachten stand vor der Tür. Im Unterricht wurde gewichtelt, gebastelt und gesungen. Da konnte leicht in Vergessenheit geraten, dass im Lernbereich Weihnachten auch etwas gelernt werden soll. Aber was? Wie anders einen Tag später in einem Gymnasium: Im Religionsunterricht und im Klassenzimmer erinnerte wenig an die Kirchenjahreszeit. Es wurden Arbeiten geschrieben, korrigiert und zurückgegeben. Die Weihnachtszeit begann für Lernende und Lehrende erst nach dem letzten Schulgong zu Hause.

Unterschiedlicher kann der Religionsunterricht in der Vorweihnachtszeit kaum sein. Und doch gibt es für beide vorweihnachtlichen Unterrichtskulturen religionspädagogische Begründungen. Die einen sagen: Wenn es zu Hause weithin keine weihnachtliche Feierkultur mehr gibt, dann müsse doch wenigstens im Religionsunterricht ein Mindestmaß an religiöser Sozialisation geleistet werden. Die anderen entgegnen: Weihnachten ist zur Projektion sentimentaler Wünsche geworden. In die frei gewordenen geistigen und geistlichen Räume einer spätmodernen Gesellschaft seien die Konsumangebote mit ihren Glücksversprechen getreten. Das Weihnachtsfest habe deshalb als Anknüpfung für religiöse Bildung ausgedient. In den Lehr- und Bildungsplänen finde es (deshalb?) nach der 6. Jahrgangsstufe kaum noch Erwähnung. Wer hat Recht?
Richtig ist: Das Weihnachtsfest ist offener für kulturelle Transformationen als andere christliche Feste und fungiert für viele Zeitgenossen als ein Gefäß vielfältiger Sehnsüchte. Weihnachten hat ein umfangreiches kulturelles Erbe integriert. Dieses ist zwar mehr oder weniger säkular, enthält aber weithin noch Grundmotive christlicher Deutungen. So erinnert das „Fest des Friedens an die Verheißung des Engels (Lk 2,14). Und Spendengalas bauen auf die Humanität des Weihnachtsfestes als „Fest der Liebe.
Tannenbaum, Wohnzimmeridylle, Hoffnung auf Schnee: Der Religionsunterricht tut sich schwer damit
Der Weihnachtsbaum ist eine der jüngeren Weihnachtstraditionen1. Ebenso untrennbar wie der Christbaum sind auch die Hochschätzung der Familienweihnachtsfeier und die Sehnsucht, dass es an Weihnachten schneien möge2, mit dem Weihnachtsfest verbunden. Religionspädagoginnen und -pädagogen tun sich manchmal schwer mit diesen Accessoires einer weihnachtlichen Volkskultur. Sie sprechen ihnen den theologischen Wert ab. Es fällt ihnen zudem auf, dass sie nicht zur Realität vieler Familien und Alleinlebenden passen. Und tatsächlich lassen sich weihnachtliche Sentimentalität, die Werte einer vormodernen Gesellschaft und rückwärtsgewandte Illusionen kaum didaktisieren. Religiöse Kompetenzen werden mit ihnen nicht angebahnt.
Andererseits muss sich der Religionsunterricht aber fragen, was er der beklagten Sinnentleerung des Weihnachtsfestes entgegengesetzt. Weihnachten ist die Feier der Geburt Christi. Die biblischen Weihnachtsgeschichten enthalten Schätze, die gehoben werden könnten. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind in der Vorweihnachtszeit offen für religiöse Deutungsangebote ihres Alltags und für Aktionen der Barmherzigkeit. Die Vorweihnachtszeit bietet also Chancen für religiöse Bildung. Wie können sie genutzt werden?
Drei Dinge, die wir bedenken sollten
1. „Aktualisierungen der biblischen Weihnachtsgeschichten bieten kaum Lernchancen
Matthäus und Lukas haben mit ihren Erzählungen von der Geburt Jesu Texte geschaffen, die zum literarischen Erbe der Menschheit gezählt werden können. Ihnen mit dem gleichen Respekt zu begegnen, mit dem auch im Deutschunterricht ein Gedicht Schillers gelesen wird, sollte selbstverständlich sein. Viele Unterrichtsmaterialien für die Weihnachtszeit enthalten allerdings Vorschläge, die biblischen Weihnachtsgeschichten zu „übersetzen oder zu verfremden. Dies geschieht in der Absicht, die Distanz zu den Texten zu verringern. Wie bei jeder...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 3 / 2019

Weihnachten

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13