Stephan Wahle

Eine soziale und heilige Zeit

© Foto: Volker Derlath

Stephan Wahle

Weihnachten zwischen kultureller Institution und religiösem Fest

Zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahresverlauf verwandelt sich die Öffentlichkeit in einen großen Festraum, dem sich so gut wie niemand entziehen kann. Unzählige beleuchtete Weihnachtsbäume und Lichtdekorationen aller Art beherrschen für einige Wochen das Ortsbild und erzeugen in den Abendstunden eine verklärte, besinnliche Atmosphäre. Die Weihnachtszeit schwebt zwischen kultureller Institution und religiösem Fest.

In den Kinos laufen spezielle Weihnachtsfilme, in den Konzerthäusern wird Bachs festliches Weihnachtsoratorium oder Händels machtvoller Messias dargeboten. Advents- und Weihnachtslieder im Pop- und Schlagergewand begegnen uns im Radio, in der Werbung, im Internet, im Kaufhaus. Alle großen Fernsehanstalten senden weihnachtlich abgestimmte Spendengalas. Vereine, Firmen und Institutionen treffen sich zur Weihnachtsfeier mit dem Auftritt von Nikolaus oder Weihnachtsmann. Der Bundespräsident hält schließlich an Heiligabend eine Ansprache. Die Liste an Aktivitäten rund um das Fest lässt sich noch lange fortführen. Kurz gesagt: Alle Jahre wieder „weihnachtet es sehr und das in (fast) allen Bereichen des öffentlichen Lebens.1
So wie die Popularität von Weihnachten sich nahezu ungebrochen darstellt, verhält es sich auch mit der alljährlichen Kritik an Konsum, aufgesetzter Idylle und verkitschter Inszenierung. Auch Kirche und Theologie haben offenkundig Probleme mit der Akzeptanz und Attraktivität des Festes. Sie beklagen die Verschiebung der Sinnmitte christlichen Glaubens, die Ablösung des Kreuzes durch die Krippe, die Ersetzung des österlichen Erlösungsglaubens durch ein „Weihnachts-Christentum.2 Ergeht sich die Gesellschaft an Weihnachten folglich nur noch in einem allgemeinen „Festivitätsgefühl (Karl Kérenyi)?
Die folgenden Überlegungen setzen bei der „zweiten Geburt des Weihnachtsfestes im 19. Jahrhundert und damit beim Wandel vom kirchlich-liturgischen zum familiär-privaten Fest an. Dabei soll vor allem der Frage nachgegangen werden, inwieweit auch und gerade in der heutigen popularisierten und globalisierten Weihnachtspraxis religiöse bzw. spirituelle Dimensionen auszumachen sind.
Weihnachten als häusliches Familienfest
Weihnachten beschränkt sich spätestens seit seiner Wandlung zum bürgerlichen Familienfest im 19. Jahrhundert nicht mehr auf den Raum der Kirche und die Feier der Liturgie. Es war das städtisch-protestantische Bürgertum, das ab ca. 1800 zur kulturbildenden Gesellschaftsschicht heranreifte und die heutige Art und Weise, Weihnachten zu feiern, maßgeblich prägen sollte: mit Weihnachtsbaum, Bescherung und Festessen mit einer häuslichen Feier am Vorabend, zu der gesungen und musiziert, gespielt und gut gegessen wurde. Dabei erfuhren viele mittelalterliche und neuzeitliche Bräuche und Rituale eine Neucodierung, so etwa der Weihnachtsbaum, das Krippenspiel, das Verteilen von Geschenken durch einen besonderen Gabenbringer oder das Repertoire der Weihnachtslieder.3
Mehrere Faktoren begünstigten diesen Transformationsprozess: Als erstes ermöglichte die im Protestantismus erfolgte Vorverlegung des Weihnachtsgottesdienstes vom 25. Dezember auf den (späten) Nachmittag des Vortags den Zeitraum für eine Abendfeier. Die Trennung von Wohn- und Arbeitswelt im städtischen Bürgertum ließ den notwendigen Privatraum entstehen, die neuen zentralen Werte von Privatsphäre und Individualität durch familiäre Rituale zu kultivieren. Des Weiteren ließ die Entdeckung der Kindheit als eigenständige Lebensphase die Kinder ins Zentrum der Feier treten. Auch war eine reiche Kinderbescherung nicht mehr nur dem Adel, sondern ebenso gut betuchten Bürgern möglich. So trat das häusliche Weihnachtszimmer, die „gute Stube des bürgerlichen Haushalts, in Konkurrenz zur Kirche und wurde zur eigenen „Privatkathedrale4. Wo all diese Voraussetzungen fehlten, etwa in ländlichen Regionen, bei Arbeitern und Bauern, vor...

Friedrich+ Religion

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt ganz einfach mit F+ weiterlesen

  • 30 Tage kostenloser Vollzugriff
  • 5 Downloads gratis enthalten

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Religion

Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 3 / 2019

Weihnachten

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13