Rita Burrichter

Mit Bildern lernen

Miniatur aus: Hildegard von Bingen, Liber Divinorum Operum  Das Buch vom Wirken Gottes, 1163–1170
Miniatur aus: Hildegard von Bingen, Liber Divinorum Operum Das Buch vom Wirken Gottes, 1163–1170, © The Picture Art Collection–/–Alamy Stock Foto

Rita Burrichter

Bilddidaktische Perspektiven auf „Gottesbilder im Religionsunterricht

Bild und Religion verbindet eine lange Tradition. Gottesvorstellungen in bildlicher Form sind den meisten bereits seit der Kindheit vertraut. Der Beitrag gibt einen Überblick über die religionspädagogische Bilddidaktik der Gegenwart und zeigt Methoden zur Förderung der Wahrnehmung und kreativen Kompetenz auf.

Der Umgang mit Bildern ist lang geübte Praxis im Religionsunterricht. Dabei herrschte über viele Jahrzehnte allerdings ein rein abbildliches Verständnis vor. Bilder dienten vor allem als Illustrationen biblischer Erzählungen oder als Veranschaulichungen christlicher Glaubens- und Moralüberzeugungen. Damit verbunden war eine didaktisch-methodische Herangehensweise, die die Bildwerke als bloße visuelle Übertragungen der zugrunde liegenden Texte verstand und ihren didaktischen Gewinn vornehmlich in ihrer Funktion als „Memorierhilfe sah oder aber in ihrer das religiöse Gefühl ergreifenden Anschaulichkeit als „Frömmigkeitsverstärker.
„Gottesbilder im Religionsunterricht
Die religionspädagogische Bilddidaktik der Gegenwart steht demgegenüber im Kontext des ästhetischen Lernens und versteht sich damit zugleich als kompetenzorientierter Zugang zum religiösen Lernen. Das erscheint besonders bedeutsam beim Umgang mit Bildwerken, die sich auf Gott und das Göttliche beziehen, auf Gottesvorstellungen in Vergangenheit und Gegenwart, aber auch auf die Suche nach Ausdrucksformen für das, was Menschen existenziell im Innersten bewegt.
„Gottesbilder begegnen den Lernenden im Religionsunterricht zum einen als Teil des Gegenstands- und Inhaltsbereichs in Gestalt der Kult- und Andachtsbilder der christlichen Traditionen und der Religionen der Welt. Als kulturelle Artefakte haben sie Anspruch auf eine angemessene Sachanalyse, die gleichermaßen theologische wie auch kunst- und kulturhistorische Dimensionen berücksichtigt. Das gilt im Grundsatz auch für nicht explizit religiöse, aber religiös zugängliche oder herausfordernde Bildwerke, somit also für die Beschäftigung mit Werken der sogenannten autonomen Kunst, aber auch mit den Bildwelten von Popkultur und Social Media.
„Gottesbilder im Religionsunterricht sind zum anderen subjektiv bedeutsame ästhetische Objekte, die die Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit von Kindern und Jugendlichen im Bereich der Rede von, über, mit Gott herausfordern und befördern sollen. Über Themen, Motive und Inhalte hinaus bewegen ästhetische Objekte durch ihre spezifische Struktur, durch Form, Farbe, Material und Gestaltung. Deren sinnliche Erfahrung kann diskursiv nicht vollständig eingeholt werden. Immer bleibt ein ästhetischer Bedeutungsüberschuss, der im Kontext des religiösen Lernens aber als besonders wichtig gilt, da er sensibel macht für den Umgang mit der theologisch unhintergehbaren Notwendigkeit von Analogiebildung im Kontext des Sprechens von Gott.
So bietet das Beispiel der „Trinität nach Hildegard von Bingen eine auch noch in der Gegenwart visuell herausfordernde Gottesvorstellung: ein doppelköpfiges Wesen („Vater und „Sohn) umfasst wie mit einem „Feuerreif den ganzen Kosmos, in den „Geistwesen kräftig hineinhauchen und in dessen Mittelpunkt der Mensch steht. Das Bild fordert auf der Sachebene zur Sammlung von und zum Vergleich mit anderen mittelalterlichen Gottesdarstellungen heraus: etwa mit Bildern des zornigen und richtenden Gottes, aber auch mit Bildern des leidenden und erhöhten Gottessohnes. Das Bild motiviert aber auch affektiv zu Reflexion und eigener kreativer Gestaltung der Vorstellung, dass und wie Gott die Schöpfung trägt und bewahrt, den gesamten Kosmos umfängt und dass seine besondere Liebe den Menschen gilt, die im Zentrum seines Handelns stehen.
Und wie geht das praktisch?
Die Arbeit mit Bildwerken kann in allen Unterrichtsphasen erfolgen. Keinesfalls müssen sie immer „vollständig erschlossen werden. Als deutungsoffene ästhetische Objekte...

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Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 39 / 2020

Warum an Gott glauben?

Friedrich+ Kennzeichnung Fachwissen Schuljahr 5-10