Michael Welker

Gott – nicht ohne Gottes Geist

Ein Sonnenstrahl durchbricht die Wolkendecke und reflektiert sich auf einem See.
Foto: Davide Cantelli/unsplash.com

Michael Welker

Zu einem realistischen Glauben an Gott

Sterile und leere Gottesvorstellungen und Gottesgedanken sind weit verbreitet. Sie werfen ein fatales Licht auf den Glauben, die christliche Religion, auf Theologie und Kirche. Wolkige religiöse Vorstellungen („Transzendenzbezug) und abstrakte, unglaubwürdige Allmachtsvorstellungen („Gott ist die alles bestimmende Wirklichkeit) machen die Rede von Gott und Glauben haltlos und fragwürdig. Der folgende Beitrag will Aufmerksamkeit wecken für Gottes Lebendigkeit und Gottes schöpferische Kraft. Er lädt ein, Gott konsequent in Verbindung und Einheit mit Gottes Geist zu erfassen. Damit erschließen sich auch Gottes Offenbarung und die göttliche Macht Jesu Christi, der die Menschen mit dem göttlichen Geist, der auch sein Geist ist, begaben und erfüllen will. Dies öffnet die Augen für die Bestimmung der Menschen zum „Bild Gottes in der Kraft des Geistes.

Im Oktober 1978 wurde Karol Wojtyła aus Polen zum Papst gewählt. Acht Monate später, im Juni 1979, besucht er sein Heimatland. Die erste Messe auf dieser Reise zelebriert er auf dem Siegesplatz von Warschau. Er beendet sie mit einem Gebet, das auf seine Landsleute geradezu elektrisierend wirkt: „Und ich rufe, ich, ein Sohn polnischer Erde und zugleich Papst Johannes Paul II., ich rufe aus der ganzen Tiefe dieses Jahrhunderts, rufe am Vorabend des Pfingstfestes: Sende aus deinen Geist! Sende aus deinen Geist! Und erneuere das Angesicht der Erde! Dieser Erde! Amen.
Er wurde in ganz Polen verstanden nur die damalige kommunistische Regierung Polens soll gefragt haben: „Wen hat er da angerufen? Die CIA? Im Jahr darauf, 1980, brachen Streiks im Lande aus, die zur Gründung der Gewerkschaft Solidarność und  – ungeachtet zahlreicher gewalttätiger Rückschläge auf Dauer zu vielen freiheitlichen sozialen und politischen Transformationen in Polen und weiteren Ländern führten. Zwei Jahrzehnte später spricht Johannes Paul II. wieder am inzwischen umbenannten  – Ort seiner legendären Ansprache von 1979:
„Ist nicht Antwort Gottes alles, was in dieser Zeit in Europa und der Welt geschehen ist, angefangen bei unserer Heimat? Vor unseren Augen ist es zur Änderung der politischen, der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme gekommen, wodurch die Einzelpersonen und die Nationen den Glanz ihrer Würde neu gesehen haben. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit gewinnen ihren Wert zurück und werden zur dringlichen Herausforderung für alle, die das Geschenk der Freiheit zu schätzen wissen.
Die in der Rede genannten Themen Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit bewegen neben Frieden und Liebe die Menschen seit Urzeiten. Sie sind auch zentrale Anliegen in der Bibel. Für Paulus und andere biblische Überlieferungen stehen sie ausdrücklich in Verbindung mit dem Wirken des göttlichen Geistes. Für Christen gewinnen diese Themen im Leben und Wirken Jesu Christi klare Gestalt. Denn Gottes Geist ist auch der Geist Jesu Christi. Er gießt seinen Geist aus auf die Menschen, die an ihn glauben, und gibt ihnen Anteil an seinen segensreichen Kräften.
Das klassische biblische Zeugnis von der „Ausgießung des göttlichen Geistes bietet im Alten Testament der Prophet Joel, Kapitel 3,1 ff: „Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen. Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen.
Diese Verheißung wird im Neuen Testament in der Apostelgeschichte 2 mit der pfingstlichen Geistausgießung und dem Sprachenwunder in Verbindung gebracht: Menschen vieler verschiedener Nationen, Traditionen und Sprachen verstehen die Verkündigung von „Gottes großen Taten. In seiner „Pfingstpredigt zitiert Petrus den Propheten Joel ausführlich (Apg 2, 17-21). Jesus Christus habe den vom Vater empfangenen Geist ausgegossen, und nun sei die alttestamentliche Verheißung erfüllt. Höchst bemerkenswert ist,...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 1 / 2020

Gott

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13