Jens-Peter Green

Wie könnte Schöpferlob heute lauten?

Die Schönheit der Schöpfung: Sternenbahnen mit Langzeitbelichtung fotografiert
Die Schönheit der Schöpfung: Sternenbahnen mit Langzeitbelichtung fotografiert , Foto: © imago/blickwinkel

Jens-Peter Green

Deutsche und englische Nachdichtungen von Psalm 8

Thematischer Schwerpunkt
Psalm 8 ist ein Schlüsseltext des biblischen Schöpferglaubens und Menschenbildes.
Ausgehend von der überwältigenden Erfahrung des Sternenhimmels kontrastiert der Psalmist die Größe JHWHs und die Winzigkeit des Menschen, um dann staunend festzustellen, dass der mächtige Schöpfer und Herrscher aller Dinge sich des kleinen und hilfsbedürftigen Menschen annimmt und ihn zum Herrscher über die außermenschliche Kreatur eingesetzt hat.
V. 3 kann als königskritische Aussage aus exilisch-nachexilischer Zeit gedeutet werden. Der Macht des Königs, die in die Katastrophe des Exils geführt hat, wird JHWHs Macht gegenübergestellt, die durch das Wort schwacher Kinder den feindlich-chaotischen Bedrohungen ein Ende macht.
Das Fußmotiv in V. 7 ist ein im alten Orient verbreitetes Herrschaftsmotiv (vgl. Neumann-Gorsolke 2004).
Zu Psalm 8 sind im deutschen und englischen Sprachraum bis in die jüngste Gegenwart zahlreiche, inhaltlich und sprachlich sehr unterschiedliche Übertragungen für Erwachsene und Kinder (M6), Glaubende, Zweifelnde und Suchende entstanden.
  • Theologisch reichen sie von evangelikaler bis zu nachchristlicher Frömmigkeit (M7/Altrogge, M5/Robinson). Einige sind zen-buddhistisch beeinflusst (M5/Büssing, vgl. Fischer 2002).
  • Viele ersetzen die Anrede „HERR, unser Herrscher durch eine andere Gottesbezeichnung. Einige verstehen „Gott als Chiffre für eine letztgültige Wirklichkeit, die man mit „Du anreden kann (M5). In Ausnahmefällen sprechen sie den Menschen an (M5/Büssing, M6/Spaemann).
  • Die Übertragungen sind poetisch-verdichtet (M5/Büssing) oder begrifflich-abstrakt (M5/Robinson), rhetorisch schlicht (M3) oder anspruchsvoll (M4/Schille), in patriarchalischer (M4/Schille), feministischer (M4/Rienstra) oder inklusiver (M5, M6) Sprache verfasst. In ihrer Metaphorik und Begrifflichkeit bewegen sie sich zwischen vorwissenschaftlichem und wissenschaftlichen Weltbild (M3, M5/Robinson, M7/Genest).
  • Einige sehen den Menschen ähnlich positiv wie Psalm 8 (M3, M4). Andere betonen seine Erlösungsbedürftigkeit (M7/Altrogge) und seine Schwächen.
  • Sie staunen und loben (M3, M4, M7). Sie kritisieren den Missbrauch des Gottesnamens, Selbstbezogenheit, Umweltzerstörung, Technikgläubigkeit und Krieg (M5/Büssing, M6/Spaemann). Sie ermutigen (M4/Rienstra, M6), bitten (M5/Robinson), mahnen (M5/Büssing), zweifeln oder erschrecken (vgl. Mitchell 1993, Stork 1992).
Lernsituation
Das Gefühl des Staunens und der Winzigkeit angesichts eines sternenübersäten Nachthimmels (V. 4 – 5) können auch Jugendliche nachempfinden, die der biblischen Tradition fernstehen und die in lichtverschmutzten Ballungsräumen weniger intensive Nachthimmelerfahrungen haben als die Menschen früherer Jahrhunderte. Weitere Assoziationen sind astrologische Einflüsse (Horoskope) und Tod und Sterben (Sterne als Trostsymbol in Todesanzeigen, Gedenkwebseiten und Literatur).
Lob kennen Jugendliche aus pädagogischen Kontexten. Als Ausdruck einer überschäumenden Freude und Dankbarkeit, die das Leben trotz seiner Bedrohungen und Begrenzungen als unermesslich kostbares Geschenk bejaht (vgl. Baldermann 1990), liegt es i.d.R. außerhalb ihres lebensweltlichen Horizontes. Mögliche Anknüpfungspunkte sind hymnische Texte, die aus dem Religionsunterricht, dem Literaturunterricht oder der Musik bekannt sind. Ein Beispiel eines säkularen Lobpsalms ist Louis Armstrongs What a wonderful world.
Angesichts sozialer Konflikte, Massentierhaltung, fortschreitender Naturzerstörung und drohender Klimakatastrophe fällt es schwer, die Schönheit der Welt und die „Ehre und Herrlichkeit des Menschen (V. 6) zu besingen, ohne gleichzeitig dem Erschrecken Ausdruck zu geben. Zudem ist in einer Zeit fortschreitender Säkularisierung und religiös-weltanschaulicher Pluralisierung für viele der Adressat des Lobs...

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Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 31 / 2018

Schöpfung – ist da Gott im Spiel?

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 9-10