Mirjam Zimmermann

Was tun mit Antijudaismus in der Bibel?

Mirjam Zimmermann

Auf der Suche nach dem Vorgehen in einer neuen Jugendbibelausgabe

Zum Inhalt
Als Beispiele für Antijudaismus im Neuen Testament gelten 1Thess 2,14-16, Mt 27,24f. und besonders Joh 8,44. Der emeritierte Heidelberger Professor für Neues Testament, Gerd Theißen, bringt das Leiden der heutigen Theologie an solchen Aussagen in seinem Aufsatz „Aporien des Umgangs mit den Antijudaismen des Neuen Testaments folgendermaßen zum Ausdruck: „Wer gäbe heute nicht viel darum, wenn diese drei Stellen (und einige andere) nicht in unseren heiligen Schriften stünden!1
Nun stehen sie aber in der Bibel und werden heute oftmals dazu verwendet, zu verdeutlichen, dass der christliche Antijudaismus den neuzeitlichen Antisemitismus vorbereitete und beide zusammen dann den Holocaust an den europäischen Juden begünstigten.
Die Unterrichtseinheit will nun am Beispiel von Joh 8,44 und der Frage, wie man mit solchen problematischen Stellen in einer neuen Bibelausgabe umgehen könnte, Übersetzungs- und Erklärungsstrategien erarbeiten, die gleichsam diese Beispiele in den historischen Kontext einordnen und in ihrer scharfen Aussage relativieren.
Thematischer Schwerpunkt
Joh 8,44 ist eine jener Stellen, die zusammen mit einer kleinen Anzahl anderer Sätze seit alters her für antijüdische und späte antisemitische Konstruktionen genutzt wurden. Sie waren die Basis einer sogenannten Substitutionstheologie, die den Heilsverlust aller ungetauften Juden behauptete, weil Gott das erwählte Volk Israel als Volk seines Bundes verworfen habe und somit Gottes Verheißungen an Israel auf die Kirche als neues Volk Gottes übergegangen seien (vergleiche das Motiv von Ecclesia und Synagoge im Beitrag von Hartmut Lenhard im Heft). Religionstheologisch ist diese Position dem Exklusivismus zuzuordnen, der verheerende Folgen im Blick auf Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Minderheiten hatte. Die katastrophale Wirkungsgeschichte des christlichen Antijudaismus, die bis in die Schoah mündete, hat zu einem theologischen Umdenken auch bei der Auslegung des Neuen Testaments geführt: Exegeten versuchen, die antijüdischen Stellen des NT verstärkt aus ihrer historischen Entstehungssituation heraus zu erklären und so zu relativieren. Dabei wird betont, dass die meisten neutestamentlichen Autoren selbst Juden waren und sich als Teil des erwählten Gottesvolks verstanden. Gerade wegen der gemeinsamen jüdischen Glaubenstradition mussten sie sich von den damals herrschenden anderen Richtungen des Judentums abgrenzen.
Wie allerdings durch bestimmte Übersetzungsstrategien (Abschnittbildung, Hervorhebungen im Text, Zwischenüberschriften u.a.) solche Abgrenzungen in früheren Übersetzungen sogar noch betont wurden, kann man exemplarisch an der Lutherübersetzung zeigen.
Martin Leutzsch präsentiert in seinem Beitrag „Umgang mit Antijudaismus im Neuen Testament nach der Shoah: Am Beispiel von Joh 8,442, aus dem diese Unterrichtsreihe entstanden ist, sowohl solche den Antisemitismus verschärfenden Übersetzungsstrategien als auch Handlungsalternativen wie z.B.
  • Joh 8,44 wegzulassen,
  • unübersetzt abzudrucken,
  • einen anderen Ausgangstext zu postulieren,
  • durch eine Anmerkung zu kritisieren,
  • durch Querverweise auf andere Bibelstellen wie z.B. Joh 4,22 zu relativieren,
  • deutlich zu machen, dass das Johannesevangelium eine jüdische Schrift ist und sein negatives Judenimage eine jüdische Position darstellt,
  • „hoi Joudaioi in der Übersetzung zu präzisieren,
  • in Anführungszeichen zu setzen oder
  • in Begleittexten zu historisieren u.a.
Diese Strategien werden im Rollenspiel als Textvorlage zum Teil eingeführt und vorgestellt. Eine Visualisierung solcher Strategien wird von den Schülerinnen und Schülern verlangt.
Damit werden auch Qualitätskriterien von Bibelübersetzungen thematisiert, die über die Übersetzung an sich hinausgehen wie z.B. die Arbeit mit einem Vorwort, mit Anmerkungen oder Sacherläuterungen, Querverweisen zu...
Religion 5-10
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Fakten zum Artikel
aus: Religion 5-10 Nr. 38 / 2020

Judenfeindschaft – Was hab' ich damit zu tun?

Premium-Beitrag aus "Religion 5-10" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 9-10