Hartmut Rupp

Vom biblischen Text zur Erzählung

Der Evangelist Markus, Basilica of the National Shrine of St. Elizabeth Ann Seton, Emmitsburg/Maryland; © CC-BY-SA 4.0 wikimedia commons
Der Evangelist Markus, Basilica of the National Shrine of St. Elizabeth Ann Seton, Emmitsburg/Maryland; © CC-BY-SA 4.0 wikimedia commons, © CC-BY-SA 4.0 wikimedia commons

Hartmut Rupp

Eine Didaktik anhand der markinischen Erzählung über Bartimäus

Viele Jahre haben die Schweizer Werner Laubi und Walter Neidhardt auf der einen Seite sowie Dietrich Steinwede auf der anderen Seite Vorlagen für das biblische Erzählen geliefert. Ihre Erzählkonzeptionen sind seit Jahrzehnten Standard in wissenschaftlichen Prüfungen. Mit der neuen Aufmerksamkeit auf das Erzählen in den Literaturwissenschaften kommt auch Bewegung in das biblische Erzählen. Nun werden die biblische Erzählung und ihre erzählerische Eigenart neu in den Blick genommen. In dem folgenden Aufsatz wird vorgeschlagen, sich nicht sofort mit einer Erzählvorlage zu beschäftigen, sondern zunächst einmal die biblische Erzählung differenziert als literarische Erzählung zu betrachten.

Mit der gesteigerten Wahrnehmung der Erzählung in den Kulturwissenschaften gewinnen auch Erzählungen in der Theologie neue Aufmerksamkeit. So wird bei etlichen die narratologische Analyse zu einem selbstverständlichen Bestandteil einer integrierenden Exegese biblischer Erzähltexte.1 Dabei kommen z.B. Wundergeschichten als das in den Blick, was sie sind: Literarische Texte eines auktorialen (allwissenden , sich aber nicht zeigenden) Erzählers, der für seine Leser bzw. Hörer eine faktuale Erzählung (mit dem Anspruch auf tatsächliches Geschehen) konstruiert und diese damit für etwas gewinnen will z.B. für eine bestimmte Sicht der Welt, für ein bestimmtes Selbstverständnis, für ein bestimmtes Handeln, für Gemeinschaft. Die Erzählung soll als Erzählung wirken. Diese Texte sind jedoch nicht einfach als Einzelgeschichten konzipiert, wie Bildungspläne nahelegen und Predigten suggerieren. Sie sind vielmehr Teil einer Großerzählung und darüber hinaus der ganzen Bibel, die den Sinn der Einzelerzählung mitbestimmen. An diesen Erzählungen lassen sich nicht ohne Weiteres historische Ereignisse herausarbeiten. Dies zeigt gerade die Uneinheitlichkeit literarkritischer Analysen. Wohl aber darf angenommen werden, dass diese Texte an geschichtliche Begebenheiten „erinnern. Aber so wie Erinnerungen immer verschieden sind, so sind auch diese Erinnerungen unterschiedlich.
Ausgehend von diesen Einsichten sei hier vorgeschlagen, vor dem Entwurf einer eigenen Erzählung oder der Wahl einer vorliegenden Nacherzählung biblische Erzähltexte narratologisch zu untersuchen und dabei die Kategorien Umwelt (Zeit, Ort, Kultur), Ereignisfolge (mit Anfang, Ende und Mitte, d.h. weswegen erzählt wird), Figuren, Erzähler und Erzählstrategie, Leser sowie Kontextbezüge anzuwenden (vgl. Finnern). Es wird sich zeigen, dass dabei die Eigenart vorliegender Nacherzählungen besser zu erfassen ist und sich eigene Erzählideen leichter einstellen. Exemplarisch sei dies an der Heilung des blinden Bartimäus (Mk10,46-52) durchgespielt.
Der biblische Text2
Die Wundererzählung von der Heilung des blinden Bartimäus hat einen klaren Anfang und ein klares Ende. Jedes Mal geht es um einen Ortswechsel. Die Geschichte ist eine Station auf dem Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem. Wo die Mitte der Erzählung liegt, ist gar nicht so eindeutig. Manche sehen sie in der Zuwendung Jesu („Ruft ihn her! V. 49), andere in dem Ruf von Bartimäus („Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! V. 47.48), wieder andere im Wegwerfen des Mantels (V. 50; was als Verlassen seiner alten Existenz und als Schritt in die Nachfolge verstanden werden kann) oder in der Aussage Jesu „Dein Glaube hat dir geholfen. (V. 52). Je nach Bestimmung der Mitte entstehen ganz unterschiedliche Erzählungen!
Die Ereignisfolge lässt eine bedachte „Kameraführung erkennen. Zunächst kommen alle Akteure in den Blick (V. 46). Die Bühne wird bereitet. Dann konzentriert sich die Erzählung auf Bartimäus, der in allen Szenen beteiligt ist und so neben Jesus zur Hauptfigur wird. Er schreit mit liturgischen Worten um Erbarmen (V.47). Der Blick richtet sich dann auf die „vielen, die Bartimäus zum Schweigen bringen wollen und...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 3 / 2017

Bibel erzählen

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13