Horst Heller, Jörg Lohrer

Religiöse Bildung in einer Kultur der Digitalität

Wenn in Medien zunehmend gesellschaftlich relevante Räume entstehen, stellt sich die Frage, wie und von wem sie ausgestaltet und in Gebrauch genommen werden können.
Wenn in Medien zunehmend gesellschaftlich relevante Räume entstehen, stellt sich die Frage, wie und von wem sie ausgestaltet und in Gebrauch genommen werden können., © Syda Productions/shutterstock.com

Horst Heller, Jörg Lohrer

Aspekte einer Theorie und Praxis des Religionsunterrichts nach Corona

Am 13. März 2020 fand in den meisten Bundesländern der letzte Schultag vor dem Lockdown statt. (Fast) alle Schülerinnen und Schüler mussten wochenlang zu Hause lernen. Die meisten Schulen, Bildungseinrichtungen und Schulbehörden waren auf diesen abrupten Wandel der Lernkultur nicht gut vorbereitet. Gelang die Premiere des Distanzlernens dennoch? Wie umfassend wird die Erfahrung der Schulschließung das Verständnis von Bildung und von Lehr- und Lernprozessen verändern? Welche didaktischen Fragen stellen sich nun im Blick auf die Zukunft? Und welche Veränderungen bringt die Digitalisierung für den Religionsunterricht?

In den Wochen, in denen Spielplätze gesperrt waren und Menschen einander nicht begegnen durften, machte das Wort vom Social Distancing die Runde. Die Schließung von Schulen, Geschäften und Treffpunkten zur Gestaltung von Freizeit führte dazu, dass die Menschen gezwungen waren, Geselligkeit in den digitalen Bereich zu verlagern und unzählige neue Räume online für sich erschlossen. Der epochale Wandel, von den einen herbeigesehnt, von den anderen mit Argwohn erwartet, war nun unerwartet schnell und für jede und jeden sichtbar, notwendig und real geworden. Begegnungen und Gespräche in digitalen Formaten verbreiteten sich schnell über Messenger-Dienste, Social Media und andere gängige Kommunikationwege. Diese waren bereits etabliert, erhielten aber nun noch einmal enormen Zulauf von denen, die diesen Kommunikationskanälen bisher skeptisch gegenüber gestanden hatten. Auch wenn die Gefahr des Virus eines Tages gebannt sein wird, wird die umfassende digitale Transformation unseres gesamten Lebens nicht wieder verschwinden und verlangt Konzepte, wie sie auf allen Ebenen verantwortlich genutzt werden kann. Auch die Schule und der Religionsunterricht sind gefordert, ihre Bildungsaufgaben im Kontext einer digitalen Umgebung neu zu reflektieren und zu modifizieren. Die Pandemie hat diesen Aufgaben Nachdruck verliehen.
Wir erleben einen epochalen Kulturwandel, der unser Leben und das Lernen verändert
Umwälzungen in dieser Größenordnung machen Angst und wirken auf den ersten Blick dramatisch. Wir sollten uns also fragen, ob sie nicht auch gelassener betrachtet werden können. Ein Blick auf die Kulturgeschichte der Menschenheit ist da aufschlussreich. Sie lässt sich als ein stetiges Voranschreiten im Kompetenzerwerb rund um die elementaren Kulturtechniken lesen und in vier Epochen einteilen: Dem Stammesleben, das sich über Sprache organisierte, folgte eine Epoche der Institutionen, für die Schriftsprache konstitutiv war. Als drittes schloss sich mit der Erfindung der Buchdruckkunst eine Epoche der Massenmedien und der darüber verbundenen Organisation von Märkten an. Mit der Digitalisierung stehen wir nun am Übergang zur nächsten Organisationsform unserer Gesellschaft, denn nun sind es schnell agierende Netzwerke, die Struktur geben. So schlicht diese Analyse und Beschreibung von Soziologen wie David Ronfeldt1 oder Dirk Baecker2 daherkommen, so einleuchtend sind sie. Sie helfen zugleich die Komplexität des tiefgreifenden Wandels, der alle Bereiche unserer Gesellschaft durchdringt, auf das Wesentliche zu reduzieren.
Die vier großen Medienepochen der Menschheitsgeschichte sind folglich die tribale Sprachkultur, die antike Schriftkultur, die moderne Buchdruckkultur und die postmoderne Computerkultur. Jedes Leitmedium ist eng damit verbunden, wie sich die Gesellschaft organisiert und Bildung versteht. Kennzeichnend für jede Gesellschaftsform ist, dass sie uneingeschränkt auf die Mechanismen und Errungenschaften der jeweils vorherigen Epochen zurückgreift. Sie nimmt sie auf und nutzt sie zur Gestaltung der nächsten Gesellschaft.
„Die Stammesgesellschaft ordnet die Risiken der mündlichen Kommunikation durch eine Rückversicherung in den Evidenzen der Wahrnehmung. Die antike Gesellschaft lässt die...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 3 / 2020

Digitalisierung im RU

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13
  • Thema: Bibel, Gott
  • Autor/in: Horst Heller / Jörg Lohrer