Axel Wiemer

Paulus und die ersten Christen

Der Apostel Paulus.Mosaik in der Kathedrale Santa Maria Nuova, Monreale (Sizilien), um 1180–1194, Ausschnitt. Das Mosaik zeigt, wie Paulus seine Briefe an Timotheus und Silas übergibt.
Der Apostel Paulus.Mosaik in der Kathedrale Santa Maria Nuova, Monreale (Sizilien), um 1180–1194, Ausschnitt. Das Mosaik zeigt, wie Paulus seine Briefe an Timotheus und Silas übergibt., Foto: Autor

Axel Wiemer

Die Identitätsfindung des Christentums neu erzählt

Paulus kennen unsere Schülerinnen und Schüler, wenn überhaupt, vor allem aus den Erzählungen der Apostelgeschichte. Es spricht aber viel dafür, seine Briefe als Möglichkeit zu einer authentischeren Begegnung mit der historischen Person zu nutzen. Der Beitrag begründet einen Vorschlag für eine entsprechende Erzählung und zeigt auf, welche weiteren Möglichkeiten diese eröffnet.

Theologische Entscheidungen: Warum erzählen wir, was wir erzählen?
Paulus ist eine der wichtigsten Figuren des Neuen Testaments. Es ist kaum denkbar, christliche Theologie ohne Bezug auf Paulus zu entwerfen. Religionsunterricht ohne Paulus kommt aber erstaunlich oft vor. Unter den Gründen dafür dürfte besonders wichtig sein, dass die Briefe des Apostels als schwer zugänglich gelten. Wenn überhaupt Paulus zum Thema wird, bekommen daher die Erzählungen der Apostelgeschichte oft ein Übergewicht. Aber das ist dann in der Regel eher ein Ausweichen vor den anspruchsvollen Briefen als eine theologisch-inhaltlich begründete Entscheidung.
Ich möchte den Spieß umdrehen und von Paulus bewusst unter Absehung von der Apostelgeschichte erzählen. Hinter dieser Akzentsetzung steht nicht die Meinung, der Quellenwert der Apostelgeschichte sei grundsätzlich gering, im Gegenteil: Er wird zu Recht positiver eingeschätzt als noch vor einigen Jahrzehnten. Es gibt aber andere gute Gründe, von Paulus aufgrund seiner Briefe zu erzählen:
  • Paulus ist die einzige Figur des Neuen Testaments, in gewisser Weise sogar der ganzen Bibel, von der wir historisch relativ gut gesicherte authentische Zeugnisse haben. Keiner anderen Figur können wir so direkt begegnen.
  • Das gilt auch für das Zentralereignis des Neuen Testaments, die Auferweckung Jesu. Von den Erscheinungen Jesu vor Maria Magdalena oder Petrus haben wir nur Erzählungen aus dritter Hand. Paulus ist der einzige Zeuge einer Begegnung mit dem Auferstandenen, der uns selbst davon berichtet. Dabei fällt die geringe Konkretion auf er betont mehrfach, dass er Jesus gesehen hat, beschreibt aber nicht, wie das war. Diese Leerstellen gegenüber den Schilderungen in Apg 9, 22 und 26 sind bedeutsam.
  • Paulus steht in seinen Briefen in direkten, mehr oder weniger gut erkennbaren Kommunikationszusammenhängen mit seinen Gemeinden. Seine Briefe sind also gerade nicht ein Steinbruch für abstrakte dogmatische Autorität (auch wenn Religionsbücher sie oft als solche missbrauchen), sondern kontextuelle, dialogische Theologie. Das lässt sich erzählend aufnehmen.1
  • Eine solche Erzählung kann schließlich entscheidend dazu beitragen, einen Zugang zu den Briefen des Apostels zu gewinnen. Damit eröffnet sich eine Möglichkeit, seine theologisch so einflussreich gewordenen Gedanken zu entdecken.
  • Ein maßgeblicher Kontext der paulinischen Theologie ist, dass es zur Zeit des Apostels „das Christentum oder die Bezeichnung „Christ noch nicht gab. Es liegt auf der Hand, dass in dieser Situation zunächst bewährte Identitätskonzepte vertreten werden, allen voran das jüdische mit seiner Orientierung an dem Bund Gottes mit seinem Volk. Dass Paulus nichtjüdische Gläubige in seine Gemeinden aufnahm, ohne von ihnen den Übertritt zum Judentum zu fordern, führte zu heftigen Diskussionen. Die Paulusbriefe lassen sich in dieser Perspektive (manche nennen sie die „new perspective on Paul) als Dokumente einer Identitätsfindung des Christentums lesen.2 In diese historische Situation führen sie uns dabei tiefer ein als die Apostelgeschichte, die im Rückblick ein bestimmtes Ergebnis dieser Auseinandersetzungen als Ziel des Wirkens des Geistes Gottes präsentiert und so legitimiert.
Didaktische Entscheidungen: Was und mit welchem Ziel erzählen wir?
In der ausführlichen theologischen Begründung klingen schon didaktische Entscheidungen an. Mein Vorschlag, Paulus aus seinen Briefen zu erzählen, möchte nicht zuletzt einen Zugang zu diesen und damit zur Theologie des Apostels...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 3 / 2017

Bibel erzählen

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-8