Bruno Landthaler

Mit jüdischen Augen die Bibel lesen

Torarolle in der historischen Klausen-Synagoge im Jüdischen Viertel, Prag / Tschechische Republik, 2017
Torarolle in der historischen Klausen-Synagoge im Jüdischen Viertel, Prag / Tschechische Republik, 2017

Bruno Landthaler

Eine andere Perspektive auf die Bibel

Selbstverständlich ist es wichtig, mit einer Schulklasse in eine Synagoge zu gehen und Informationen darüber zu erhalten, welche Feste im Mittelpunkt stehen oder wie sich die jüdische Religion bis ins Häusliche hinein auswirken (kann!). Sie haben dann aber Ihren Schülerinnen und Schülern nichts darüber verraten, weshalb Juden und Christen zumindest teilweise dieselbe Bibel lesen und weshalb beide Religionen die Bibel aber so unterschiedlich lesen.

Wenn ein Christ den Kern seiner Religion in seiner Heiligen Schrift wiederfinden will, dann muss er in erster Linie zum Neuen Testament greifen. Wenn er darüber hinaus noch einmal nachforschen möchte, weshalb Jesus mit solchem Furor gegen das damalige religiöse Establishment dargestellt wird, dann liest er vielleicht die Propheten des Alten Testamentes, die ja ebenfalls gegen ihr damaliges Establishment angewettert haben. In dieser Achse wird dem Leser sicher das eine oder andere Buch zunächst nicht in den Blick kommen: Zum Beispiel ein großer Teil der ersten fünf Bücher Moses, jüdisch gesprochen: die Tora. Gerade diese fünf Bücher handeln von einer Religion, die dem, was sich im NT widerspiegelt, eher fremd, ja manchmal auch feindlich daherkommt.
Und welche Gewichtung haben wir Juden? Wir schauen in erster Linie auf die Tora, und zwar auf die Tora in ihrer Gänze. Erst danach kommen die im weiteren Sinn prophetischen Bücher (zu denen auch Josua bis Könige gehören). Erst zum Schluss der Gewichtung kommen die Schriften in das Blickfeld (geschichtliche und Weisheitsbücher), wobei es auch hier Schriften gibt, die einen liturgischen Ort haben (Psalmen, Esterbuch, Rut usw.), und Schriften, die mehr oder weniger überhaupt nicht in den Blick geraten, z.B. die Chroniken oder Hiob.
Schon dieser Überblick zeigt, mit welch unterschiedlichen Augen Christen und Juden auf das sogenannte Alte Testament schauen. Es ist sozusagen komplementäres Lesen: Was die einen eher bereit sind, liegen zu lassen, greifen die anderen beherzt auf! Das macht die unterschiedlichen Lesegemeinschaften in Sachen Bibel aus.
Diese unterschiedliche Perspektive hat sehr klare Ursachen, die mit den beiden Religionen und ihrer Grundausrichtung zu tun haben.
Gleicher Ursprung, verschiedene Wege
Um es sehr knapp zu sagen: Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n.Chr. beginnt eine neue religiöse Welt: Das alte Israel (das Narrativ des AT) ist mit dieser Zerstörung endgültig Geschichte geworden, die verschiedenen religiösen Strömungen in Palästina, die sich lange vorher konsolidiert hatten, mussten mit einer religiösen Zäsur leben: Tempel und Priestertum, insgesamt eine institutionalisierte israelitisch-judäische Religion gab es in Palästina fortan nicht mehr. Selbst die letzte staatliche Autonomie wurde zerstört.
Für das Judentum entstand eine religiöse Lücke, die man nicht groß genug einschätzen kann. Anders als das junge Christentum, das schon erste theologische Schritte hin auf die Person Jesu gemacht hatte, konnten die verschiedenen Strömungen des israelitisch-judäischen Judentums nicht ausweichen und mussten auf die ersten Erfahrungen mit dem Leben ohne Tempel und ohne Land (babylonisches Exil) zurückgreifen, aus der heraus Schriften entstanden, die als bedeutsam anerkannt waren (Tora, viele Bücher der Propheten). Damit konnte die Tora in den Mittelpunkt religiösen Lebens rücken. Der Weg führte von einem heiligen Bauwerk zu einem heiligen Buch!
Diese Konzentration auf Schrift machte allerdings notwendig, die alten Inhalte der Tora (Heiligtum, Opfer, Priester) in die neue Zeit zu transformieren. Der Text durfte nicht einfach wörtlich verstanden werden, sondern er musste ausgelegt werden! Nur auf diese Weise konnte die Tora in eine neue Zeit überführt und tatsächlich zur Grundlage des religiösen Lebens werden! Die Rabbinen formulierten dies so, dass neben der schriftlichen Tora Mose am Berg Sinai auch die mündliche Tora (=...
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aus: Entwurf Nr. 2 / 2020

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