Martin Vahrenhorst

„Die Tora hat siebzig Gesichter“

Jüdischer Junge mit Torarolle
Jüdischer Junge mit Torarolle, © Katy Lozano/shutterstock.com

Martin Vahrenhorst

Jüdische Bibelauslegung und was der Religionsunterricht davon lernen kann

Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels ist unter anderem das Textstudium an die Stelle des Opferkultes getreten. Dabei liest man im Judentum nicht nur in der Bibel. Wenn man es aber tut, dann walten Akribie und Phantasie, um mit und zwischen den Buchstaben des biblischen Textes theologische Gedanken zu formulieren. Dieser Beitrag zur jüdischen Bibelauslegung fragt nach Anregungen für den christlichen Religionsunterricht.

Vom Tempel zur Tora
Eine Legende erzählt von den letzten Tagen des jüdischen Krieges im Jahr 70 n. Chr. Rabban Jochanan Ben Sakkai war es gelungen, sich von zweien seiner Schüler auf einer Totenbahre aus dem belagerten Jerusalem herausschmuggeln zu lassen, um mit den Römern Friedensverhandlungen aufzunehmen. Als er schließlich dem Feldherrn Vespasian gegenüberstand, verhieß er diesem die Kaiserwürde, die er kurz darauf auch erhielt. Der neu installierte Kaiser gewährte dem Gelehrten zum Dank einen Wunsch. Jochanan reagierte darauf sehr befremdlich. Er hätte die Chance gehabt, mit seinem Wunsch die heilige Stadt und den Tempel vor der Zerstörung zu bewahren. Das tat er aber nicht. Stattdessen wünschte er sich einen völlig unbedeutenden und traditionsfreien Flecken unweit des Mittelmeers namens Javne: „Gib mir Javne und seine Gelehrten …“. Dort wollte er sich niederlassen und ganz dem Studium der Tora widmen. Den Tempel inklusive der damit verbundenen Hierarchien überließ er der Vergangenheit. Die Zukunft sollte der Tora gehören, mit der sich jeder beschäftigen kann, der dazu bereit ist. Diese Legende aus dem babylonischen Talmud (Gittin 56a/b) markiert den Übergang von einer Religion, in deren Zentrum der Tempelkult stand, zu einer Religion, die ihre Frömmigkeit ganz wesentlich im Dialog mit Texten und im Gespräch darüber lebt.
Die Bibel ist weniger wichtig
Eine weitere Legende erzählt davon, wie Gott Mose auf dem Sinai die Tora diktierte und zwar in zweierlei Gestalt: Zunächst sollte Mose die fünf nach ihm benannten Bücher aufschreiben, die schriftliche Tora. Danach lässt Gott ihn eine zweite, nämlich mündliche Tora auswendig lernen. Mose fragt, warum er diese nicht auch aufschreiben dürfe. Gott antwortet: „Eines Tages werden die Völker der Welt kommen und die schriftliche Tora ins Griechische übersetzen. Dann werden sie sagen: ‚Wir sind Israel! Woran soll man das wahre Israel erkennen? Daran, dass es die Geheimnisse Gottes kennt. Und was sind diese Geheimnisse? Das sind die Mischna und der Talmud (nach PesR 5,1). In der Tat hat das Studium dieser längst ebenfalls verschriftlichten, aber für Außenstehende dennoch überaus kryptischen Werke, das Studium der Bibel in den Hintergrund treten lassen. Wenn man heute im Judentum vom Torastudium spricht, meint man damit das Studium des Talmud und seiner Kommentare. Der zitierten Legende kann man abspüren, dass das entstehende Christentum mit seinem zuerst von Justin (Dial 123.9) geäußerten Anspruch, das wahre Israel zu sein, daran nicht ganz unschuldig ist.
Mit Akribie und Phantasie
Dennoch hat das Judentum bei der Bibelauslegung ganz beeindruckende Zugänge entwickelt. Diese hat Alexander Deeg zutreffend mit den Stichworten Akribie und Phantasie beschrieben.1 Einerseits schaut man akribisch genau hin, was im Text steht. Jedes noch so kleine Detail ist wichtig. Andererseits geht man mit diesen Beobachtungen überaus phantasievoll um. Ein Beispiel mag das illustrieren: Das erste Wort der Tora beginnt im Hebräischen mit dem zweiten Buchstaben des Alphabets, dem Bet „Be-reshit (Am Anfang). Das lädt zu der Frage ein, warum die Tora nicht mit dem ersten Buchstaben, dem Alef, sondern mit dem zweiten beginnt. Eine Antwort lautet: Weil auch das Wort für Segen („beracha) mit Bet beginnt, während das Alef auch das Wort „arur (verflucht) eröffnet und die Welt sollte von Anfang an ganz eindeutig unter dem Segen stehen. Es...
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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 2 / 2020

Bibel

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "entwurf" Schuljahr 1-13