Jörg Barthel

Auf dem Weg zu einer nachkritischen Bibelauslegung

Schülerinnen und Schüler beim Studium der Bibel
Schülerinnen und Schüler beim Studium der Bibel , © Freedom Studio/shutterstock.com

Jörg Barthel

Ansätze biblischer Hermeneutik

Lange Zeit galt die historisch-kritische Methodik in der Bibelauslegung im akademischen Raum als Königsweg der Exegese. Wer wollte bestreiten, dass sie unser Wissen über die Bibel und ihre Welt immens vermehrt hat? Die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte der Bibel durch genaue Textanalyse ebenso wie die Erforschung der Geschichte Israels und des Urchristentums aufgrund archäologischer Quellen haben enorme Fortschritte gebracht. Dennoch wächst das Unbehagen an der historisch-kritischen Bibelauslegung und Hermeneutik. Der nachfolgende Beitrag möchte auf heuristische Weise einen Weg zu einer nachkritischen Bibelauslegung zeigen.

Das Unbehagen an der historisch-kritischen Exegese wächst keineswegs nur in evangelikalen oder traditionalistischen Kreisen. Skepsis regt sich auch bei denjenigen, die mit der Bibel in kirchlichen, pädagogischen oder diakonischen Zusammenhängen umgehen und sich mit dem Problem der Vermittlung der Einsichten akademischer Exegese konfrontiert sehen. Aber auch im akademischen Kontext selbst wächst die Einsicht in die Grenzen historisch-kritischer Hermeneutik. Warum ist das so? Zum einen sorgt die Unübersichtlichkeit der Hypothesen im Verein mit der permanent beschworenen Innovation für Verdruss. Wenn unsicher ist, ob morgen noch gilt, was gestern Konsens war lohnt dann überhaupt die Mühe, sich auf dem neuesten Stand zu halten? Schlimmer noch: Die wachsende Disparität der Ergebnisse untergräbt die Glaubwürdigkeit der Methoden. Hinzu kommt die Einsicht, dass die historisch-kritische Auslegung mit ihrer Fixierung auf die Entstehungsbedingungen der Texte diese zugleich in der Vergangenheit fixiert. Ihr heilsamer Verfremdungseffekt zehrte lange Zeit von der mehr oder weniger selbstverständlich vorausgesetzten Gegenwartsrelevanz der Texte. Wo diese problematisch wird, läuft er ins Leere.
Wie reagieren die Bibelwissenschaften auf diese Krise? Die einen ergreifen die Flucht nach vorn und forcieren das historisch-kritische Paradigma weiter. Die Renaissance der klassischen Literarkritik und Religionsgeschichte des 19. Jahrhunderts zeigt, dass die Lösung zumindest in der deutschsprachigen Bibelwissenschaft vielfach in dieser Richtung gesucht wird. Damit feiert zugleich das Paradigma der liberalen Theologie „fröhliche Urständ. Andere suchen neue Wege einer „nachkritischen Schriftauslegung, ohne die Errungenschaften historisch-kritischer Exegese preiszugeben. In einer groben Übersicht lassen sich dabei folgende Ansätze unterscheiden:
a) Holistische Ansätze versuchen, den Text jenseits seiner Entstehungsgeschichte in seiner literarischen Endgestalt in den Blick zu nehmen. Hierbei erweist sich auch die Rezeption klassisch-jüdischer Bibelauslegung als wichtige Inspirationsquelle.
b) Kanonische Ansätze teilen dieses Anliegen, legen das Schwergewicht aber auf den Gebrauch und die Funktion der Bibel als autoritatives Glaubenszeugnis der Glaubensgemeinschaft.
c) In rezeptionsorientierten Ansätzen verschiebt sich der Akzent auf die Rezeption der biblischen Texte durch ihre Leser/innen und deren Anteil an der Konstitution des Textsinnes. Damit kommen zugleich die Kontexte der Rezeption in den Blick.
Im Folgenden möchte ich diese Ansätze kurz vorstellen und sie auf ihre hermeneutischen Voraussetzungen und ihr exegetisches Potenzial befragen. Ausgewählte Beispiele, die vor allem der Urgeschichte entnommen sind, illustrieren dies. Dabei wird sich (hoffentlich) zeigen, dass es sich nicht um ausschließliche Alternativen handelt, sondern um komplementäre Zugänge, die einander ergänzen und korrigieren.
1. Die Welt hinter dem Text: Historisch-kritische Bibelauslegung
Biblische Texte sind geschichtlich verwurzelte und geprägte Zeugnisse vergangener Gottes- und Welterfahrungen. Deshalb können und sollen sie in ihrer historischen Eigenart wahrgenommen und interpretiert werden. Bei aller Verschiedenheit im Detail ist dies die gemeinsame...

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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 2 / 2020

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