Hartmut Rupp

4x: Eine vierfache Schriftauslegung anwenden können

Vier Bibeln auf einem Holztisch
Vier Bibeln auf einem Holztisch

Hartmut Rupp

Alle Bildungspläne für den evangelischen Religionsunterricht sind sich einig, dass Schülerinnen und Schüler am Ende der Schulzeit biblische Texte methodisch reflektiert auslegen und diese in Beziehung zum eigenen Leben und zur gesellschaftlichen Wirklichkeit setzen können sollen. Sie sollen die historisch-kritische Perspektive einnehmen und die existenzielle Bedeutung dieser Texte interpretieren können. Dabei wird immer wieder auf eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Wegen der Bibelauslegung verwiesen. Nimmt man diese Kompetenzen als „Standards ernst, dann sollen Schülerinnen und Schüler am Ende der Schulzeit verlässlich über die Fähigkeit verfügen, Bibeltexte eigenständig und differenziert auslegen zu können. Die Frage ist, ob das gelingt und wie das gelingen kann.

Der Eindruck
Mein Eindruck ist, dass das oben genannte Ziel in der Regel nicht erreicht wird. In Klausuren neigen Schülerinnen und Schüler dazu, biblische Texte nachzuerzählen (und geraten dabei öfter auch in ein fundamentalistisches Fahrwasser) oder einfach gelerntes Wissen wiederzugeben. Eine methodische Reflexion der eigenen Argumentation ist nicht zu erkennen und wird meist auch nicht erwartet. Die Auseinandersetzung mit nicht im Unterricht erarbeiteten Bibeltexten ist dabei nicht vorgesehen.
Zu diesem Eindruck gehört, dass die Erwartung, Methoden einer historisch-kritischen Exegese sowie andere Auslegungsansätze wie z.B. die tiefenpsychologische, befreiungstheologische oder feministische Exegese auf einen Bibeltext anwenden zu können, wegen ihrer Komplexität und ihren unterschiedlichen theoretischen Voraussetzungen für Schülerinnen und Schüler eine schlichte Überforderung darstellt. Die methodische Differenz von historisch-kritischer Exegese und existenzieller Interpretation wird zudem nicht weiter reflektiert.
Der Eindruck ist zudem, dass im Unterricht die Schülerinnen und Schüler mit Einsichten konfrontiert werden, auf die sie selber niemals gekommen wären und die deshalb kaum mit eigenem Wissen verknüpft werden können. Die Sorge ist, dass eine wissenschaftlich ambitionierte Interpretation der Bibeltexte für Schülerinnen und Schüler verwirrend wirkt und von ihnen als wenig lebensbedeutsam beurteilt wird. Das mag für altphilologisch versierte oder hoch engagierte und gemeindlich verbundene Schülerinnen und Schüler anders sein, dürfte aber für die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler so gelten.
Das bleibende Ziel
Dennoch bleibt die Fähigkeit, Bibeltexte selbstständig, differenziert und ohne ein „Lehramt(!) auslegen zu können, ein bedeutsames Ziel des Religionsunterrichts. Dies gilt seit dem Pietismus für jeden evangelischen Christenmenschen, sollte aber auch für gebildete Zeitgenossen gelten, die nach Auffassung der Bildungspläne über religiöse Kompetenz(en) verfügen nämlich religiöse Phänomene wahrnehmen und darstellen, deuten und beurteilen, reflektiert verwenden und mit anderen darüber kommunizieren zu können. Sowohl die Begegnung mit kirchlichen Stellungnahmen zu ethischen Fragen der Gegenwart, die Konfrontation mit fundamentalistischen Bibelauslegungen, die öffentliche Diskussion religionskritischer Positionen, der Einbezug in interreligiöse Prozesse, die Teilnahme an religiösen Riten und Feiern sowie die persönliche Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen begründen die Relevanz einer solchen Auslegungskompetenz. Dazu kommt, dass eine solche Kompetenz auch in anderen Fächern wie Deutsch, Englisch oder Geschichte sowie in weiteren Kontexten des Lebens gefordert ist.
Der Aufbau der Auslegungskompetenz
Eine selbstständige und verlässliche Auslegungskompetenz braucht einen kumulativen Aufbau, der nicht nur in sich gestuft, sondern auch mit anderen Lernsequenzen und vor allem auch mit anderen Fächern vernetzt ist. Wie auch sonst bei den prozessbezogenen Kompetenzen wird Auslegungskompetenz in der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Inhalten im Unterricht...
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Fakten zum Artikel
aus: Entwurf Nr. 2 / 2020

Bibel

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "entwurf" Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 11-13