Werkstattarbeit Portfolio

Eine Mappe zur Verbindung von Schule und Beruf...

von Rüdiger Iwan

Ein unverändert hilfloser Dressurversuch
Eigentlich war ich unzufrieden. Seit dem 11. September hatte ich auf Wunsch der Zwölfklässler (der Fachhochschulreifegruppe, die am Ende des Schuljahres ihre Geschichtsprüfung in Form einer Unterrichts-Hospitation absolviert) aufgearbeitet, was zur Ungeheuerlichkeit dieses Ereignisses und seiner Hintergründe irgend über Medien greifbar war: über den Bildschirm, die Zeitungen, das Internet, Geschichtsbücher, schließlich über Berichte engagierter Profis wie Peter Scholl-Latour 1) oder Ahmed Rashid 2), die Kopf und Kragen riskieren, um Augenzeugen dessen zu sein, worüber sie sich dann ihr Urteil bilden. Keine Frage, dass wir dem freundlichen und zuvorkommenden Studiendirektor aus der Landeshauptstadt demnächst würden zeigen können, was er am Tage der Hospitation zu sehen beauftragt ist: dass die Leistungen dieser besonderen Schülergruppe dem zwar im Ungefähren bleibenden, nichtsdestoweniger als allgemein verbindlich geltenden Standard entsprachen.
Doch hatte mich (wieder einmal) der Zweifel gepackt: Verdiente, was ich da machte, das Prädikat Urteilsbildung? Erreichten wir eine zumindest anfängliche Balance zwischen der Fülle offensichtlicher Fakten und den darin weniger offensichtlich enthaltenen Zusammenhängen? Wie innerlich regsam noch war nach dem Abflauen der ersten Entschlossenheit das Verhältnis der Schüler zu dem in Wochen wachsender Mühsal Erarbeiteten? Diese fast zwanghaft wirkende Art der Abkehr von einem das Bewusstsein zunächst vollständig okkupierenden Ereignis war freilich vorauszusehen, und so hatte ich mit dem gemeinsam gefassten Beschluss gleich zu Beginn des Schuljahres die Parole unbedingten Durchhaltens ausgegeben. Doch schien mir nichts dafür zu sprechen, dass wir uns in der Zwischenzeit durch die Überwindung instinktiv aufgetretener Antipathien in lichtere Gefilde erster Einsichten vorarbeiten würden. Zu vieles im Unterricht erweckte nach Monaten noch den Eindruck eines unverändert hilflosen Dressurversuches. Zu angelernt die Antworten, zu anhaltend blieb das Verstummen gegenüber Fragen, die auch nur einen Schritt weit auf ungebahntes Gelände führen wollten.
Tatsächlich hatte sich meine innere Orientierung allmählich dort festgehakt, wo ich die Defizite der Schüler wahrzunehmen glaubte. Und fast unmerklich über Wochen schwand die Bereitschaft, die Ursachen für die Misere länger noch bei mir suchen zu wollen.

Eine neue Seite aufschlagen
Die Chance, das Blatt zu wenden, ergab sich aus der besonderen Epochenplanung des Schuljahres. Ein neuer Geschichtslehrer hatte in der 12. Klasse ? gleichsam neben mir ? die Arbeit mit der Abitursgruppe aufgenommen (und damit die zweijährige Vorbereitung auf die Abschlussprüfung). Um ihm den Einstieg zu erleichtern, war eine Epoche angesetzt worden, in der wir beide die Klasse morgens getrennt unterrichteten. Nichts Ungewöhnliches eigentlich! Die zentralen Abschlussprüfungen haben seit je den gewohnten Ablauf der 12. Klasse gestört und inzwischen nahezu vollständig ihren Zwecken untergeordnet. Mir erwuchs daraus ein unverhoffter Freiraum und ich war entschlossen, ihn für ein Experiment zu nutzen. Nicht in dem beschriebenen inhaltlichen Zusammenhang zunächst. Die für das Ende der dreiwöchigen Epoche terminierte Geschichtshospitation war soweit längstens vorbereitet, dass wir es bei gelegentlichen Auffrischungen bewenden und uns für den Zeitraum von drei Wochen einmal etwas ganz Anderem widmen konnten.
Der Montagmorgen der Epoche beginnt mit einer kleinen Ansprache: "Sie werden", so etwa lasse ich mich vernehmen, "in wenigen Wochen von der Schule gehen. Begleitet von den besten Wünschen Ihrer Lehrerinnen und Lehrer: für Ihren Lebensweg im Allgemeinen und Ihre Berufslaufbahn im Besonderen. Darin etwa erschöpft sich in der Regel der Einfluss, den wir hier noch auf das nehmen, was dann dort geschieht. Warum auch sollte Schule am Ende mehr sein als eine Schnittstelle zum Beruf? Was man für dort hat tun können, ist hier längst geschehen. Also getrost das eine sauber vom anderen trennen. Die Schulzeit reicht allein bis zu ihrem Ende. Danach folgt, zwar nicht der Traumberuf, aber doch die möglicherweise anhaltende Suche danach. "Was eigentlich will ich tun? Wo ist mein Platz, an dem ich tätig werden will?" Fragen dieser Art werden sich Ihnen stellen, von den bereits erwähnten Segenswünschen begleitet. Was damit auf Sie zukommt, möchte ich Ihnen etwas eindringlicher durch einen Blick zurück auf die hier verbrachte Zeit vor Augen führen. Sie haben am Anfang dieses Schuljahres etwa, um nur eine der vielen unbeachteten, weil allzu vertrauten Gewohnheiten herauszugreifen, Ihren Stunden- und Epochenplan erhalten. Demnach konnten Sie bereits am 9. September 2001 mit einiger Sicherheit voraussagen, dass Sie heute, am Montag, den 15. April 2002, Geschichte bei Herrn Iwan haben würden. Diese Sicherheit werden Sie in einigen Wochen nicht mehr haben. Für das, was Sie am 15. April 2003 tun werden, wird es vermutlich keine so klare Vorgabe mehr geben wie noch in diesem Jahr. ? Vielleicht stellen Sie das plötzliche Fehlen solcher Direktiven mit Erleichterung fest und gehen nunmehr ohne angezogene Handbremse auf endlich beschleunigte Lebensfahrt. Vielleicht weckt das Fehlen bislang selbstverständlicher Gewohnheiten auch andere Gefühle in ihnen. Niemand mehr, der Ihnen das Lernmenü aus der Überfülle der Angebote zusammenstellt, auf dem Tablett einer sorgfältigen Unterrichtsvorbereitung präsentiert, niemand, der Sie anhält zu tun, wozu Sie sich selbst in Bewegung setzen sollten. Wie werden Sie reagieren? Unangenehme Empfindungen durch den raschen Wechsel in die nächste Institution gar nicht erst aufkommen lassen? Es gibt ja auch andere mit geregeltem Ablauf...
Genug spekuliert! Ich möchte das mit Ihnen jetzt etwas anders machen. Dort, wo man sich von Ihnen für gewöhnlich abwendet, möchte ich den Grundstein einer Brücke legen, deren wesentliche Pfeiler in der Zeit stehen, die aber zu einem nicht unbedeutenden Teil bereits sichtbar werden soll. Seinen Anfang nimmt der Bau noch vor dem Ende Ihrer Schulzeit und kann weit hinein reichen in die Zukunft, die bald für Sie beginnt.
Kurz und unverblümt: Am Ende der Epoche sollte jeder von Ihnen als Ergebnis unserer Arbeit eine Mappe in Händen halten. Darin sollten möglichst viele Ihrer im Verlaufe der Schulzeit erworbenen Fähigkeiten dokumentiert sein. In einer Form, die es jedem möglichen Leser Ihrer Mappe erlaubt, sich selbst über Ihre Fähigkeiten ein Urteil zu bilden. Zu diesem Zweck bitte ich Sie jetzt zunächst zurückzuschauen. Fragen Sie sich einfach mal, was Sie in den zurückliegenden vier, vielleicht fünf Jahren gelernt haben, und wenn Sie etwas gefunden haben, ich bin sicher, Sie finden was, teilen Sie es zunächst Ihrem Banknachbarn mit. Später tauschen wir uns in der Runde aus."

Dem Lernen auf die Spur kommen...
Bei aller Ausführlichkeit habe ich doch etwas vergessen. Und das gibt der Unternehmung von Beginn an eine denkbar interessante Wende. "Was Sie in den letzten Jahren gelernt haben...", als ordentlicher Vertreter meiner Zunft habe ich da natürlich an die Schule gedacht. Freilich mit allem, was sie über den gewohnten unterrichtlichen Rahmen hinaus zu bieten hatte: Klassenfahrt und ?spiel, Praktika, Projekte...Die Schüler aber gehen gleich noch einen Schritt weiter. Ganz ungeniert und spontan kommt ihnen unter dem Stichwort "Lernen" der Ort, an dem die Ausübung dieser besonderen menschlichen Betätigung beheimatet sein sollte, erst gar nicht in den Sinn. Dafür aber das halbe Jahr als Austauschschülerin in Odessa, die schwierige Genesungskur in Bad Sobenheim, der im benachbarten Gymnasium verantwortlich erteilte Jonglagekurs. Schon die erste gemeinsame Gesprächsrunde fördert Überraschendes zu Tage.
Freilich kommt vieles zunächst als Erlebnisbericht daher. So viel ist ja geschehen in dem halben Jahr in Odessa, der mehrwöchigen Kur, dem einwöchigen Kurs. Und bei all dem hat man gelernt, zweifellos und eben viel; aber was eigentlich, bei welcher Gelegenheit und wie?
Offensichtlich ist das Lernen eine leicht zu übersehende Tatsache. Selbst dort, wo es offenbar stattgefunden hat, liegt es wie eine in der Fülle der Erfahrungen zunächst unbeobachtete Wahrnehmung im Leben verborgen. Unsere Aufgabe wird es sein, die Aufmerksamkeit für diesen Vorgang zu wecken. Zunächst durch Gespräche, in kleinen Gruppen mit wechselnder Besetzung, dann in der größeren Runde. Und schließlich durch schriftliches Überarbeiten am Folgetag. Von meinem Freund und Mitstreiter Felix Winter vom Oberstufenkolleg in Bielefeld habe ich mir Vorlagen mailen lassen, Reflexionsbögen, jahrelanger Praxis erwachsen, die ich nun für meine Zwecke noch einmal überarbeite. Die Schüler nehmen sie dankbar an, sind doch die Fragen allesamt hilfreich für die Spurensuche nach dem Lernen im eigenen Erleben. Insbesondere die nach den Schwierigkeiten sind förderlich. Wie waren die Hindernisse beschaffen? Was genau hat sich mir entgegengestellt, was genau war es, was ich vielleicht nie glaubte bewältigen zu können und dann doch überwunden habe? ? Tatsächlich wird den Schülern, je näher sie sich an ihre Schwierigkeiten heranschreiben, bewusst, was im Leben sonst verborgen liegt.
So rasch freilich wird keiner von ihnen dabei seinem eigenen Lernen zuschauen können. Sie müssten denn als Voraussetzung ihr eigenes Denken beobachten, das, so die geniale Entdeckung Rudolf Steiners, unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens.3) Und das käme jetzt wohl zur Unzeit. So verfrüht es aber wäre, die Methode der seelischen Beobachtung auf das Phänomen des menschlichen Lernens anzuwenden, so rechtzeitig ist es, die altersgemäßen Grundlagen dafür zu legen. Eigentlich für das, was heute landauf, landab als lebenslanges Lernen mehr gefordert als gefördert wird. Wie aber wollte man lernen sein ganzes Leben hindurch vom Leben 4),wenn man sich mit der damit verbundenen besonderen Tätigkeit nicht allmählich vertrauter machte.

Kopernikanische Wende
Am nächsten Morgen unterhalte ich mich mit Moritz. Moritz ist weit größer und kräftiger als die Vorstellung, die sein Name weckt, entschieden sensibler und offener als der Umgang, den er mit seinen Gegnern auf dem Felde des "American Football2"pflegt; seine bevorzugte Sportart nicht zuletzt deshalb, weil sie ihn allwöchentlich zuverlässig über seine Schmerzgrenze treibt. "Etwas ungewohnt, das Ganze, meint er. Eigentlich weiß ich nur, was ich nicht kann. Also ehrlich, man guckt doch nur auf die Defizite. Und jetzt soll ich sagen, was ich gelernt habe? Fähigkeiten? Hm..." "Einfach Stärke zeigen, wie am Wochenende, nur auf einem anderen Feld", veranlasse ich ihn zu einem Lächeln aus den Mundwinkeln. Tatsächlich kann Moritz viel mehr als er von sich zu wissen glaubte: Etwa als Filmvorführer im Kino Schafstall, einem prähistorisch anmutenden Vorläufer heutiger hightechbildernder Abfüllanstalten. Der Wechsel der Filmrolle im Schafstall ist noch ein Abenteuer der manuellen Art und will gelernt sein. "Einfach damit sich das Ganze nicht hinaus bis auf die Strasse abspult (ist tatsächlich schon vorgekommen, aber nicht bei mir), sondern auf der Rolle. Und dann das Timing! Schließlich will man die Zuschauer nicht im bildlosen Dunkel endlose Sekunden dürsten lassen. Eigentlich muss der Wechsel ja nahtlos vonstatten gehen. Und genau das will gelernt sein."
In der großen Runde hören wir anschließend den Lernbericht von Helena. Die temperamentvolle junge Dame hat einen ausländischen Freund, der von weit her kommt und dem vor einiger Zeit die Ausweisung dorthin zurück drohte, den sie aber aus erfindlichen Gründen nicht hatte ziehen lassen wollen. Also musste sie ihm, der des Deutschen nicht mächtig, unter die Arme greifen. Als nichts mehr half, versuchte sie es mit Hilfe eines Rechtsanwaltes: "Da saß ich also hier in Schwäbisch Hall in der Kanzlei, habe dem Herrn Juristen alles auseinandergesetzt, ich habe ihm alles erzählt, was ich wusste und anschließend ? nichts mehr verstanden. Das war so, als würde ich in der Fremdsprache wieder von vorne anfangen. Was ich in den Wochen danach gelernt habe, ist ganz einfach. Ich habe gelernt, die Sprache eines Rechtsanwaltes zu verstehen. Das heißt, eigentlich habe ich auch gelernt, einen Rechtsanwalt dazu zu bewegen, sich so auszudrücken, dass ich ihn verstehe. Meinen ersten Auftritt in der Kanzlei hab´ ich natürlich noch als stummes Mäuschen gegeben. Und natürlich hat sich das dann geändert. Aber halt, da war noch was! Der erste Rechtsanwalt hat nämlich gar nicht gearbeitet. Bloß übernommen hat er, was ich für ihn vorbereitet hatte. Ehrlich, er hat sich nur so lange und so weit bewegt, wie ich ihn geschoben habe. Bis ich ihm das dann sagte und mir anschließend einen neuen Rechtsbeistand gesucht habe. Ist das jetzt eigentlich auch eine Lernerfahrung gewesen?"
Immer wieder schauen wir zurück und entdecken "Früchte", die unbeachtet herangereift sind. So unzeitgemäß unsere Art Erntedank zu Frühlingsbeginn auch sein mag, sie hat ihre wohltuende Wirkung: "Mal klar kriegen, was ich kann und vor allem Selbstbewusstsein tanken..." ? Möglich, dass den Schülern dabei noch keine Flügel wachsen, doch mindestens sind es Luftkissen, die ihnen in den nächsten Wochen fühlbar Auftrieb geben. Auf-richten statt unter-richten, die so eindringlich den Paradigmenwechsel des schulischen Lernens fordernden Worte des Bildungsjournalisten Reinhard Kahl erschließen sich mir in ihrer ganzen Bedeutung. Gerade auch deshalb, weil ich mehr zuhören kann, als ich selbst etwas zu sagen hätte und mir dabei täglich neue, bislang völlig unbekannt gebliebene Seiten von den Schülern vor Augen geführt werden. Von allen! Auch von denen, die in meinem Fach zuverlässig und noch nie etwas zu Wege gebracht haben, erfahre ich, dass sie anderswo durchaus lustvoll auf Lernwegen wandeln. ? Eine Selbstverständlichkeit? Sicher! Wir alle wissen ja, dass Begabungen weiter reichen als die Grenzen des eigenen Faches. Nur leben wir dieses Wissen nicht in der täglichen Praxis. Und so zählt die Verengung der Sicht, das Urteil über den Schüler allein aus dem, was er in unserem Fach nicht leistet, vielleicht mehr, als wir es uns eingestehen, zu den heimlichen Gebrechen des Berufes. Auch die Summe der Fächer ergäbe nicht, was wir hier meinen. Die Umkehr des Blickes ist von anderer Art. Sie kommt allein dem gleich, was Rupert Vierlinger, Nestor der Portfolio-Methode aus Österreich, als "kopernikanische Wende in der Leistungsbeurteilung" 5) bezeichnet hat. Und eine Portfoliomappe soll schließlich am Ende dabei rausschauen...

Einen Beruf intuieren
Methodisch führt der Weg in diesen Wochen von Orten des außerschulischen Lernens, über Erfahrungen in Praktika und Projekten, zu den praktisch-künstlerischen Unterrichten der Oberstufenjahre bis schließlich zu den Fächern, die ? nicht erst im Abschlussjahr ? den meisten Platz für sich beanspruchen, dafür aber ins Zentrum des Lernens selbst zu führen verheißen. Und da wird´s schwierig! Gelernt? - in Deutsch, Mathematik, Englisch.....hm! War da was? Und wenn ja, wie soll man das zeigen? ? Liegt die Betätigung in diesen Fächern dem Denken etwa so nahe, dass sie gerade dadurch ungreifbar wird? Oder ist es vielmehr die geheime "Die-Welt-ist-fertig-Botschaft" dieser Unterrichte, die sie "leicht" verfestigt und dadurch dem Lernen (zumindest dem, dem wir hier auf der Spur sind) entfallen lässt? Wie dem auch sei! So spontan die Schüler bei ihrer Rückschau auf außerschulisches Lernen zugegriffen haben, so ausdauernd scheu verhalten sie sich gegenüber dem Kernbereich der Schule selbst.
Zunächst aber kommt Herr Bergmann, Berufsberater vom Arbeitsamt. Eigentlich war er ja schon da. Rechtzeitig am Ende der 11. Klasse. Um vorsorglich über die 1001 Möglichkeiten zu informieren, die sich den Schülern nach absolvierter Fachhochschulreifeprüfung eröffnen würden. Diesmal kommt er in veränderter Mission. Nicht zu informieren, zu intuieren ist sein Teil. Er soll jedem Schüler "auf den Kopf zu" einen für ihn möglichen Beruf nennen. Als "Input" erfährt er einzig, was jeder der Beteiligten sich aus seinem in Entstehung begriffenen Fähigkeitsprofil ausgesucht und dem aufgeschlossenen Herrn vom Arbeitsamt vorgestellt hat. ("Genau diese Vorleistung", sagt er mir später, "diese ins Konkrete führenden Gedanken fehlen mir sonst fast vollständig in der Einzelberatung. Ich bekomme tatsächlich oft nicht mehr als einen Satz zu hören, vielleicht noch einen Wunsch. Und dann soll ich den Beruf wie der Zauberer das Kaninchen aus dem Zylinder ziehen!")
Da weiß Steffen mehr zu erzählen. Er hatte sich einst im praktischen Projektunterricht die Aufgabe gestellt, die in der Schule vorhandenen, schon wegen ihres "Übergewichtes" unpraktischen Stellwände durch einen leichten komfortablen Prototyp zu ersetzen. Das hat er einst ausgeführt und beschreibt den Arbeitsvorgang nun bis ins Detail, haarscharf heran an die Schwierigkeiten und mitten hinein ins Lernen.
Christof schließt sich an. Im Marionettenprojekt (einem sich über vier Jahre erstreckenden Vorhaben speziell dieser Klasse) hatte er sich im Prüfungsjahr (das Projekt wurde tatsächlich als praktische, sogenannte Jahresarbeit Teil der Fachhochschulreifeprüfung) mit der Konstruktion besonders anspruchsvoller Marionettenkreuze beschäftigt und war hier auf bislang ungelöste Fragestellungen gestoßen. Marionetten der Art, wie man sie brauchte, hatte es offenbar noch nicht gegeben. Und die Lösung dieser Rätsel kam einer ersten schöpferischen Tat gleich. Christoph war sie gelungen. Und auch darüber berichtet er nun Herrn Bergmann. Der hört so ungewohnt viel zu wie ich in den letzten Tagen, dann holt er spürbar Atem: "Produktdesign! Die Tätigkeit, von der Sie mir da eben berichtet haben, könnten Sie beide nahtlos als Studium an der Fachhochschule in Schwäbisch Gmünd fortsetzen. Aufgaben dieser Art, denen Sie sich bereits gestellt haben, bekommen Sie dort gleich am ersten Tag wieder vorgesetzt. Das Beste, Sie nehmen Ihre Mappe, die ja am Ende entstehen soll, gleich mit. Denn genau das ist es, was Sie dort zur Bewerbung vorlegen sollen. Eigentlich bereiten Sie sich gerade schon auf diese Bewerbung vor. Und jetzt wissen Sie es sogar."
Ich weiß nicht, ob Steffen und Christof tatsächlich mit ihrer Mappe an der FH in Schwäbisch Gmünd vorstellig werden. Wichtiger als das ist, dass sie eine aus der unübersichtlichen Zahl ihrer Möglichkeiten konkret vor Augen geführt bekommen. Was sie dann daraus machen, kann man getrost in ihre Freiheit stellen. Nur auf die Eröffnung der freien Entscheidung kommt es an, auf das Anstoßen des Willens zur eigenen Orientierung. Und dazu hat Herr Bergmann an diesem Morgen allen verholfen...

Die Bewerbungsmappe
"Versuchen Sie jetzt das bisher Erarbeitete für andere einsehbar zu machen. Gestalten Sie eine Mappe! Wie sie aussehen soll, überlasse ich Ihrer Selbstständigkeit. Nur dokumentieren Sie darin Ihre Lernerfahrungen. Machen Sie sichtbar, was Sie gelernt haben." Sehr viel weiter reicht auch diese letzte Arbeitsanweisung nicht. Doch setzt sie in den nächsten Tagen erstaunliche Energien frei. Später füge ich noch hinzu, man möge eine Art Begleitbrief schreiben, der sich an potenzielle Empfänger der Botschaft richten könnte: "Ihren roten Faden durch die Mappe! Machen Sie demjenigen, der sie einst in Händen hält, deutlich, was ihn darin erwarten und möglicherweise veranlassen könnte, sich der Mühe des Lesens zu unterziehen."
Für einige Tage nun verwandelt sich die Klasse in eine Werkstatt: Pappe, Papier, Faden, Schere, Kleister... und Fotos, die man längst irgendwo aufgestöbert oder in den letzten Tagen vorsorglich bereits gemacht hat: von der Plastik, dem Aquarellbild, der Jacke aus dem Handarbeitsunterricht... Und mir bleibt nichts übrig, als den Ergebnissen des Wirkens und Werkens entgegenzuharren. Was die Schüler jetzt tun, können sie sowieso besser als ich es ihnen je raten würde.
Der letzte Tag unserer dreiwöchigen Unternehmung! Schon dem Auge ein Wohlgefallen, was da ausgebreitet auf den Tischen liegt! Und der erste, äußere Eindruck verstärkt sich mit jedem Blick, den ich tiefer nach innen werfe: individuelle Fähigkeitsprofile, denen die dekretierte Einheitsform der Abschlussprüfung nicht viel mehr als den Charme aufmarschierender Klone entgegenzusetzen hat. Die erste Mappe, die ich aufschlage, ist die von Moritz. Im Begleitbrief auf der Innenseite steht: Es ist schwer, sich ein Urteil von jemandem zu machen.
Schwerer ist es, sich ein richtiges Urteil von jemandem zu machen.
Am schwersten aber ist es, sicht ein Urteil über sich selbst zu bilden.
Fast unmöglich ist es, sich ein Urteil über sich selbst so zu bilden, dass ein anderer es richtig versteht. Wenn Sie wissen wollen, wie schwer es ist, sich ein angemessenes Urteil über jemanden zu bilden, dann lesen Sie jetzt in dieser Mappe...
Die nächste, die ich aufschlage, ist die von Maria. Sie gleicht von Format und Aussehen einem selbstgefertigten Fotoalbum. Insbesondere aufgearbeitet hat sie darin die für sie so schwierigen Erfahrungen während ihrer Rückenkur. In ihrer Einleitung schreibt sie:
Diese Mappe ist nur ein Anfang. Sie ist noch nicht fertig und wird es auch nie werden. Weil jeder Mensch sich im Verlaufe seines Lebens immer weiter entwickelt, wird diese Mappe mit mir wachsen, aber nie fertig werden...
Treffender kann man das in der Zeit liegende Wesen der Portfolioarbeit kaum beschreiben. Die dritte, die ich aus dem Reigen der Mappen herausgreife, ist die bunteste. Ihr DIN A-3 Format sticht deutlich hervor. In der Hülle aber finden sich für jeden der bearbeiteten Bereiche kleinere, eigens dafür angefertigte Einzelmappen. Auf der Innenseite des Umschlagdeckels dann Beates, der Autorin Begleitbrief, am Rande mit einem durch das Papier gewirkten roten Faden versehen: "Damit der Leser ihn auch wirklich findet", kommentiert sie schmunzelnd.
"Aber Katharina", entfährt es mir beim Durchblättern einer weiteren Mappe. "Warum in aller Welt haben Sie denn das gemacht?" Ich bin im Bereich der Kernfächer auf einen ziemlich "geröteten" Aufsatz gestoßen, der abschließend auch noch ein Mangelhaft bescheinigt bekommen hat. "Weiterblättern!" kommt die lakonische Aufforderung. Tatsächlich folgt einige Seiten später eine Übungsarbeit Deutsch aus dem zurückliegenden Schuljahr, diesmal allerdings ein Zweier. Dazwischen hat Katharina Tipps notiert, für Verzweifelte: Wie man sich in Deutsch verbessern kann, auch wenn man es nicht für möglich hält...
Überhaupt: Was die Schüler alles können und ich nicht für möglich gehalten habe...

Zur vollsten Zufriedenheit
Natürlich haben wir die Geschichtshospitation zur vollsten Zufriedenheit des Prüfers absolviert. Und unserer selbst! Schließlich waren alle mit Schwung bei der Sache und haben zu allermeist ihre Traumnote erreicht. Das freilich mag nur indirekt auf die Portfolioarbeit zurückzuführen sein und löst die eingangs beschriebenen Schwierigkeiten durchaus nicht. Aber die Portfolio-Methode ist ein vielversprechendes Mittel, sich in einem komplexen Themenzusammenhang wie dem zu Beginn erwähnten selbstständiger bewegen zu lernen (und könnte so schon bald auf geschichtlichem Felde zum Einsatz kommen). Lernen eben, was das Lernen eigentlich ist...

1) Peter Scholl Latour, Allah ist mit den Standhaften, DVA, u.v.m.
2) Ahmed Rashid, Taliban, Droemer Verlag
3) Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, GA 4, Seite 42
4) Die Formulierung benutzt Rudolf Steiner im 2. Vortrag über Volkspädagogik, GA 192, Seite 119 f.
5) zitiert nach ide, Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule, portfolio, Heft 1/2002, Studien Verlag Innsbruck