Martin Alsheimer

Existenzielle Brücken

Mini-Rituale können Pflegende im Alltag begleiten und entlasten
Mini-Rituale können Pflegende im Alltag begleiten und entlasten, Foto ©: stephm2506 | stock.adobe.com

Martin Alsheimer

Rituale kreativ im Team gestalten

Es gibt vermutlich kein berufliches Feld, in dem Mitarbeitende auf so kurze Distanz und in so schnellem Tempo zwischen den unterschiedlichen (Erlebens-)Welten von Leben und Tod wandern wie in der palliativen Versorgung. Wie schaffen Pflegende persönlich diesen Wechsel und wie gelingt es ihnen, jeweils präsent zu sein? Der Beitrag zeigt auf, wie Rituale Brücken für die kleinen und großen Übergänge sein können und wie sie zu gestalten sind.

Alltag von Pflegenden: In einem Zimmer führen sie gerade – vielleicht plaudernd und unkompliziert eine Grund- oder Behandlungspflege durch; fünf Minuten später im nächsten Zimmer begegnet ihnen jemand in einer Krise. Insbesondere in der Palliative Care sind Pflegende auf tiefe Weise konfrontiert mit menschlichem Leid, mit schwerer Krankheit sowie mit Sterben und Tod. Wie bewältigen Pflegende dies mental? Wie können die Teams die Patientinnen und Patienten sowie die Angehörigen und nicht zuletzt sich selbst im Umgang bei den großen existenziellen Brüchen und Abgründen des Lebens unterstützen?
Rituale können Brücken für die kleinen und großen Übergänge sein. Herausfordernde Situationen, die rituell gestaltet werden können, stellen sich unterschiedlich dar und können u.a. sein:
persönliche Übergange
  • Dienstbeginn und -ende
  • vor und nach belastenden Pflege-Situationen
Übergänge im Team
  • Aufnahme neuer Mitglieder ins Team
  • Ausscheiden eines Mitglieds aus dem Team
  • Teamtreffen eröffnen und schließen
  • nach belastenden Situationen
Übergänge in Pflege und Betreuung
  • Aufnahme, Einzug in die Pflegeeinrichtung
  • Veränderungen im Gesundheitszustand
  • Umsorgung Verstorbener
  • Aufbahrung
  • Verabschiedung am Totenbett
  • Überführung
  • Gedenken an Verstorbene.
Rituale neu entdecken
Pflegende können für sich und im Team darüber nachdenken, in welchen Situationen sie persönlich oder in der Einrichtung etwas vermissen. „Unsere Kultur ist arm geworden an Ritualen für die wichtigen Lebensübergänge, z.B. in Zeiten der Trauer!, lautet eine Klage. „Von den eigentlichen Ritualen blieb nichts oder wenig. Dennoch ist ein Bedürfnis nach dem, was die Rituale leisteten, noch oder wieder vorhanden (Flammer, 2004: 28). Diese kulturelle Pluralität bringt Belastungen, birgt aber auch Chancen: einerseits fehlen hilfreiche traditionelle Rituale in Zeiten von Krisen und Veränderung; andererseits bedeutet dies auch eine Befreiung von den damit oft verbundenen Zwängen oder sinnentleerten Verhaltensweisen.
Pflegende können nun positive, mit den eigenen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften stimmige Rituale entwickeln. Diese Kreativität will der Beitrag fördern.
Bausteine ritueller Brücken
Mit den richtigen Bausteinen für rituelle Brücken (Handlungen) können existenzielle Grundthemen überquert werden. Wie kann der Brückenschlag der Ablauf von Ritualen aussehen? Die in Kasten 1 und 2 genannten Anregungen können dabei unterstützen
  • persönliche Mini-Rituale (siehe Praxisbeispiel) (wieder-)zu entdecken
  • im Team zu überlegen, welche Übergänge wie gestaltet werden sollen.
Mit Hilfe dieses Handwerkszeugs können Pflegende passende Rituale entwickeln, ohne starre Vorlagen zu übernehmen.
PRAXISBEISPIEL: Persönliche Mini-Rituale entdecken
PRAXISBEISPIEL: Persönliche Mini-Rituale entdecken
In meiner Zeit als Praxisanleiter für soziale Arbeit in einem Pflegeheim hatte ich mir einen schönen, gefleckten Kieselstein vor dem Haupteingang im Efeu versteckt. Vor Dienstantritt habe ich ihn aufgenommen als Symbol für die Herausforderungen und Überraschungen des Tages. Dabei habe ich mir kurz überlegt, mit welcher Stimmung ich heute das Haus betrete und ihn dann in die Hosentasche gesteckt. Nach dem Dienst habe ich den Stein wieder in die Hand genommen und Erlebnisse des Tages Revue passieren lassen. Mit dem inneren Satz „Das lasse ich alles gut aufgehoben hier habe ich den Stein wieder an seinen Platz gebracht. Das hat mir oft geholfen, Belastendes nicht...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 48 / 2020

Rituale

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Wissenschaft
  • Thema: Team
  • Autor/in: Martin Alsheimer