Monika Müller

Das erschöpfte Team

Begleitende Mitarbeitende brauchen Raum und Zeit, um über einen verstorbenen Menschen und die eigene Beziehung zu ihm zu sprechen
Begleitende Mitarbeitende brauchen Raum und Zeit, um über einen verstorbenen Menschen und die eigene Beziehung zu ihm zu sprechen, Foto © Prostock-studio | stock.adobe.com

Monika Müller

Richtige Strategien im Umgang mit Tod, Trauer und Verlust

Das ständige Erleben von Tod und Sterben und die häufigen Verlusterfahrungenkönnen Pflegekräfte in der Palliative Care stark belasten. Doch die Arbeit mitSterbenden bietet auch die Chance, für das eigene Leben zu lernen.

Wissen Sie, bei uns im Haus versterben 30 Prozent der Bewohner innerhalb ihres ersten Jahres. Das bedeutet: Wir lernen jemanden kennen, gewöhnen uns an ihn, gewinnen ihn vielleicht sogar lieb, und dann heißt es schon wieder Tschüss, Abschiednehmen. Das hält doch keiner lange aus. Manchmal frage ich mich: Wie viel Tod verträgt der Mensch in so einer Arbeit überhaupt? Für die Angehörigen wird Trauerbegleitung angeboten, aber wohin mit unserer Trauer? So klagte eine Altenpflegerin in einer Palliative-Care-Fortbildung. Und fuhr fort, dass es ja zwar wichtig sei, immer bessere Strategien zur Symptombekämpfung und Standards für Wundbehandlung kennenzulernen, aber dass es auch einen Kursinhalt zur eigenen Belastung in dieser Arbeit geben solle.
Trauer oder Betroffenheit?
In Fortbildungen und Supervisionen wird oft die Klage wie ein Vorwurf deutlich, dass die professionell in der Sterbebegleitung Tätigen keinen Ort und keinen Ansprechpartner für ihre eigene Trauer haben. Das muss ernst genommen, gleichzeitig aber auch genauer beleuchtet werden. Was ist Trauer? Was meinen die in diesem Feld arbeitenden Berufsgruppen, wenn sie von ihrer Trauer um Patienten sprechen?
Trauer, so lautet eine alte, heute immer noch allgemein anerkannte, Definition, „ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion (Freud,1917: 17). Diese Auslegung des Phänomens Trauer hebt durch die Worte regelmäßig und Reaktion darauf ab, dass Trauer etwas Wiederkehrendes, Normales, jeden Menschen Betreffendes ist, also eine Fähigkeit, die Menschen grundsätzlich zur Verfügung steht.
Eine Ausweitung dieser Definition lässt zu, dass es nicht nur um eine im engeren Sinn geliebte Person gehen muss, sondern um jemanden und in der Folge naturgemäß auch um etwas , zu der oder zu dem eine sinnerfüllte, tiefe Beziehung bestand.
Zu den einzelnen Patienten besteht in der Regel diese tiefe, sinnerfüllte Beziehung nicht, sie ist dem persönlichen Umfeld der Betreuenden vorbehalten. Diese sinnstiftende, signifikante Beziehung besteht eher zum Beruf, zur Arbeit im Hospiz(dienst) oder auf der Palliativstation, nicht aber zu jedem Menschen, dem in diesem Kontext begegnet wird. Es kommt ausnahmsweise vor, dass sich Professionelle mit sterbenden Menschen anfreunden. In diesem Fall empfinden sie in der Tat bei deren Ableben Trauer, sonst eher Erschütterung, Betroffenheit, Schmerz, auch Ermüdung und Überdruss.
Dies gilt es auseinanderzuhalten, weil sonst ein Faktor vermutlich erschwerter Trauerreaktion erlebt würde, die dann zum Tragen kommen kann, wenn ein Mensch gehäuft in kurzer Zeit mehrere Verlusterfahrungen zu durchleiden hat. Das würde dazu führen, dass Ärzte oder Pflegende nach einigen Sterbefällen ihren Beruf aufgeben müssten, weil die Trauerarbeit nicht zu leisten wäre.
Umgang mit häufigen Verlusten
Die Reaktionen auf das dauernde und kumulierende Erleben von Sterben und Tod sind mitnichten zu verniedlichen oder mit dem Hinweis wegzuwischen, dass dies ja überhaupt keine Trauer sei. Menschen, die in der palliativen Umsorgung Sterbender stehen, gehen immer wieder neu mittel- und kurzfristige Behandlungs- und Begleitungsbeziehungen ein, die durch die Erwartungshaltung des nahenden Todes geprägt sind. Diese wiederholte und Alltag gewordene Begegnung mit Tod löst bei den Beteiligten eine existenzielle Betroffenheit aus, die sich höchst unterschiedlich äußert und die einen besonderen Rahmen und Umgang braucht. Als Reaktionen auf „so viel Tod zeigen sich manchmal:
  • Abwehrstrategien in Form kühl-professioneller Zugewandtheit, d.h. sich nicht einlassen in eine Beziehung, aber das...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 41 / 2019

Fatigue

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Grundlagen