Jürgen Georg

Wenn das Jucken kein Ende nimmt …

© bc21/Shutterstock.com

Jürgen Georg

Erkennen und Behandeln von Hautjucken

Jucken beeinflusst das Wohlbefinden von Menschen, die palliativ gepflegt und behandelt werden, auf der körperlichen, psychischen sowie sozialen Ebene. Der folgende Beitrag beleuchtet die möglichenUrsachen dieses komplexen Symptoms und zeigt erfolgreiche Pflege- und Behandlungsinterventionen auf.

In der Fachsprache wird diese physiologisch-sensorisch unangenehme Körperempfindung Pruritus genannt, der sowohl die Haut als auch die Schleimhaut betreffen kann (Pittelkow et al., 2015). Die Häufigkeit, mit der das Symptom in der Palliative Care auftritt, hängt vom Stadium der Erkrankung ab. Sie liegt beispielsweise zu Beginn einer Schmerztherapie mit Morphin bei ca. einem Prozent und wird bei Menschen mit fortgeschrittener Nierenerkrankung mit 25 – 85 Prozent angegeben (Steudter, 2019).
Bedeutsam ist Jucken in der Palliative Care jedoch nicht nur, weil es im Verlauf von verschiedenen Krankheiten und im Rahmen einer Therapie als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten kann. Viele Menschen, die palliativ gepflegt werden sind älter als 65 Jahre. Im Alter gehört Hauttrockenheit zu den Phänomenen, die häufig beobachtet werden können. Trockene Haut, die nicht ausreichend gut gepflegt wird, führt in der Folge bei 60 – 80 Prozent der alten Menschen zu Hautjucken. Frauen leiden dabei häufiger als Männer an Hautjucken (Ständer et al., 2016).
Jucken verursacht starkes Leiden
Pruritus ist oft schlimmer zu ertragen als Schmerz, die Aussage einer Betroffenen zeigt dies deutlich: „Ich wünsche mir Bürsten. Die Augen möchte ich einzeln herausnehmen und mit der Zahnbürste bearbeiten. Den Rachen mit der Flaschenbürste und die Nasenlöcher mit der Bürste für Reagenzgläser. Ich werde sonst noch verrückt …“ (Schumacher, 2017: 6).
Dass Menschen vor Jucken schier verrückt werden und suizidale Gedanken entwickeln können, zeigt das Praxisbeispiel.
Ein Symptom mit schwerwiegenden Folgen
Ein Symptom mit schwerwiegenden Folgen
Anfangs dachte der 55-jährige Herr Meyer*, das Jucken am Hosenbund komme einfach vom Schwitzen. Der Sommer war schließlich ungewöhnlich heiß. Doch im Herbst hatte sich die unangenehme, mitunter unerträglich Empfindung schon über den ganzen Körper ausgebreitet. Der Patient fühlte sich schlapp und müde, was er zunächst auf den mangelnden Schlaf zurückführte, denn das Jucken ließ auch in der Nacht nicht nach. Der Hausarzt tippte auf Vitamin-B12-Mangel, dann auf Krätze, schließlich auf Darmübersäuerung. All dies sollte sich als falsch erweisen. Das Jucken wurde immer schlimmer, bis Herr Meyer sich am ganzen Körper blutig gekratzt hatte. Die Diagnose war für alle ein Schock, denn bei Herrn Meyer wurde eine chronische Leukämie festgestellt. Das Jucken verschlimmerte sich in der Folge während der Behandlung der Grunderkrankung so sehr, dass der Patient nach eineinhalb Jahren eine schwere Depression entwickelte und nicht mehr arbeiten konnte. Im Verlauf kamen Suizidgedanken hinzu, sodass er stationär in der Psychiatrie behandelt werden musste. Sein Leben hat sich durch das unzureichend behandelte Jucken und die Diagnose vollständig gewandelt.
*Name von der Redaktion geändert
Ein vielschichtiges Symptom
In der pflegediagnostischen Literatur wird Pruritus als ein „Zustand, in dem ein Individuum als Reaktion auf einen schädigenden Stimulus eine unangenehme Juckempfindung hat (Ackley & Ladwig, 2008; in: Doenges, Moorhouse & Muhr, 2018: 760) beschrieben. Das Hautjucken kann zeitlich als akut oder chronisch differenziert werden, wobei man von einem chronischen Pruritus ab einer Dauer von sechs Wochen spricht. Obwohl Jucken in der Regel als sehr unangenehm empfunden wird, hat es eine wichtige Funktion: akuter Pruritus dient im physiologischen Sinn dazu, Parasiten, Pflanzenbestandteile oder andere Fremdkörper an der Hautoberfläche wahrzunehmen und zu entfernen, bevor es zu Hautschädigungen kommt. Chronischer Pruritus hingegen weist meist auf bestehende...
pflegen Palliativ
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

pflegen Palliativ abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 47 / 2020

Nicht alltägliche Symptome

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis