Astrid Steinmetz

Ohne Worte verständigen

In einem Trainingsprogramm können Pflegende ihre nonverbalen Interaktionsfertigkeiten schulen
In einem Trainingsprogramm können Pflegende ihre nonverbalen Interaktionsfertigkeiten schulen , Foto ©: Manuela Schiedler

Astrid Steinmetz

Viele schwerkranke und sterbende Menschen können ihre Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr mit Worten ausdrücken und verstehen auch die Pflegenden nicht mehr. Doch auch oder gerade − sie brauchen hochwertige Pflege und Sterbebegleitung. Ein eigens entwickeltes Trainingsprogramm erleichtert Pflegenden die Kommunikation ohne Worte. Die Autorin des folgenden Beitrags informiert über das Programm im Besonderen und über emotionsorientierte nonverbale Kommunikation.

Angesichts des bevorstehenden Todes können Menschen zutiefst erschüttert werden und in eine Krise geraten. Die Bewältigung von Krisen geschieht im Wesentlichen kommunikativ: „Nur Leiden, das sich mitteilen kann, verhilft dem Patienten zur mentalen Kontrolle des Krankheitsgeschehens und damit zur notwendigen Distanz. Dort, wo Leiden nicht ausgedrückt werden kann, bleibt es im Menschen (Gottschlich, 2007: 86). Um Räume für Entwicklung und Bewältigung zu eröffnen, sind daher Beziehungspartner erforderlich.
Vor allem die nonverbalen Kommunikationsfähigkeiten bereiten den Weg dafür, dass Beziehung entsteht und empathische Kommunikation stattfindet; sie sind wesentlich für die Qualität der Beziehung (Gottschlich, 2007). Selbst bei schwierigen Themen und Kontroversen kann Kommunikation gelingen, wenn die ohne Worte ausgedrückten Emotionen des kranken Menschen oder die seiner An- und Zugehörigen erkannt und anerkannt werden (Suchman et al., 1997).
Die Fähigkeit, Emotionen und Bedürfnisse zu erkennen, ist vornehmlich im Bereich der nonverbalen Kommunikation angesiedelt (Mayer et al., 2003). Dennoch liegt der Fokus der Verständigung auch in der Palliative Care überwiegend auf der Sprache. Infolgedessen bleiben besonders die emotionalen Bedürfnisse der Kranken häufig unbeantwortet (Soothill et al., 2001), denn diese werden typischerweise nur in versteckten Hinweisen kommuniziert (Zimmermann et al., 2007).
Krankheitsbedingte Veränderungen
In der Palliative Care leiden abhängig von der Grunderkrankung bis zu 80 Prozent der Patientinnen und Patienten an neurologischen und/oder psychiatrischen Symptomen (Ng & von Gunten, 1998; Voltz & Borasio, 2001). Diese können ebenso wie chronische Erschöpfung (Fatigue) kognitive Funktionen negativ beeinflussen (Cull et al., 1996). Wenn Patienten unter Bewusstseinsstörungen oder Verwirrtheit leiden, ihre Denk- bzw. Gedächtnisleistungen eingeschränkt sind oder sie Störungen im Bereich der Sprache aufweisen, können sie sich nicht mehr sicher verbal artikulieren oder andere verstehen.
Die palliative Versorgung wird durch diese krankheitsbedingten Kommunikationsdefizite deutlich erschwert (Tuffrey-Wijne & McEnhill, 2008). Ist ein Mensch kognitiv nicht mehr in der Lage, sich verbal mitzuteilen, steigen Stresspegel und Frustration der ihn betreuenden Personen bei der Beurteilung seiner Symptome (Johnson et al., 2009).
Je weniger ein Mensch sich verbal äußern kann, desto mehr ist er bei der Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung auf die nicht-sprachlichen Kommunikationsfertigkeiten − Gestik, Mimik, Körperhaltung − seiner Umgebung angewiesen. „Die Sterbebegleitung endet nicht bei der in ihrem Bewußtsein eingeschränkten, desorientierten oder verwirrten Person, sondern sie wandelt sich. Nun ist besonderes Gewicht darauf zu legen, die nonverbalen und verbalen Botschaften dieser Person zu verstehen und eine Form der Kommunikation zu finden, die auf die veränderten Formen und Inhalte der Botschaften Rücksicht nimmt (Kruse, 1992: 91).
Kommunikationsfertigkeiten erwerben
Um nonverbale Interaktionen und emotionale Austauschprozesse mit einem kommunikativ und kognitiv veränderten Menschen zu gestalten, sind sehr komplexe expressions- und erlebnisorientierte Kommunikationsfertigkeiten erforderlich, welche z.B. wechselseitige Interaktionen über Bewegung und Berührung, Dialoge über den Blick, stimmlich-klangliche Interaktionen und somit auch emotionale Austauschprozesse eröffnen...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 39 / 2018

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis