Martin W. Schnell, Christine Dunger

Kulturelle Fremdheit und Diversität am Lebensende

Diversität am Lebensende
Diversität am Lebensende, © Schnell & Schulz, 2014

Martin W. Schnell, Christine Dunger

Alle Menschen müssen sterben aber jeder stirbt für sich allein. Bei der Begleitung Sterbender stoßen Pflegende an ihre Grenzen: Was sterbende Menschen fühlen, können die, die weiterleben, nur bedingt nachempfinden. Dieser Beitrag informiert über die unaufhebbare asymmetrische Situation und was Pflegende tun können, um Sterbende nicht allein zu lassen.

Diversität am Lebensende ist die spezifische Kennzeichnung einer existentiellen Situation. Sie ist mittlerweile in der Palliativmedizin eingeführt. Ein Mensch wird die Welt verlassen, seine Begleiter Angehörige, Pflegende, Ärzte etc.  – werden weiterleben. Das Faktum des Sterbens erzeugt diese asymmetrische Situation, die unaufhebbar ist und die in keiner anderen heilberuflichen Konstellation vorkommt.
Peter Noll*, ein früherer Patient, hat für die Diversität folgende Worte gefunden: „Das Gespräch zwischen einem, der weiß, dass seine Zeit bald abläuft, und einem, der noch eine unbestimmte Zeit vor sich hat, ist sehr schwierig. Das Gespräch bricht nicht erst mit dem Tod ab, sondern schon vorher. Es fehlt ein sonst stillschweigend vorausgesetztes Grundelement der Gemeinsamkeit Auf beiden Seiten wird viel Heuchelei verlangt. Darum auch die gequälten Gespräche an den Spitalbetten. Der Weiterlebende ist froh, wenn er wieder draußen ist, und der Sterbenden versucht, zu schlafen (Schnell & Schulz 2014: 23).
Begriff und Sache der Kultur beziehen sich auf das Verstehen und Erschließen der Welt (Cassirer, 2011). Die Welt ist der Inbegriff der Verhältnisse, die uns begegnen und die uns zum Verstehen und Interpretieren herausfordern. Das Interpretieren ist notwendig, weil die Welt nicht eindeutig ist, sondern mehrere Auslegungen, wenngleich nicht beliebig viele, zulässt. Diese Vielfältigkeit bedingt, dass Kulturen im Plural auftreten und dass uns diese wiederum vertraut oder auch fremd erscheinen können.
Diversität am Lebensende und die Palliativ- und Hospizkultur
Diversität am Lebensende ist ein existentielles Faktum, das in verschiedenen Kulturen auftritt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Situationen der an der Begleitung beteiligten Personen grundlegend verschieden sind (Schnell, 2014). Dass ein Mensch stirbt, während die anderen weiterleben, lässt sich nicht überwinden, die besondere Lebenssituation des Sterbens können die, die weiterleben, nicht nachvollziehen. Eine weitere Asymmetrie ist, dass Sterben keine Krankheit, sondern ein allgemein menschliches Faktum ist, aber zumeist von lebenslimitierenden Erkrankungen und medizinisch zu behandelnden Symptomen begleitet wird. Daraus ergibt sich, dass der Mensch zwar stirbt, aber dass er unter Umständen nur als Patient, Gast oder Bewohner behandelt wird.
Diversität am Lebensende meint also nicht allein Vielfalt oder Unterschiedlichkeit im Erleben, sondern immer auch die Asymmetrie, die darin verborgen liegt. Der Umgang damit macht das Besondere der palliativ-hospizlichen Haltung aus: Es geht weder um eine rein medizinische Perspektive noch um ein naives Verstehen und Hineinversetzen wollen in die Perspektive des Anderen, sondern um die Gestaltung dieser widersprüchlichen Situation.
Praxisbeispiel 1: Lieber leben
Praxisbeispiel 1: Lieber leben
Heinrich Berger* hat Bauspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Eine Heilung ist nicht möglich. Die spezialisierte Pflegekraft eines SAPV-Teams bespricht mit dem Patienten, welche Möglichkeiten der Begleitung im Rahmen der ambulanten palliativen Versorgung für ihn zur Auswahl stehen und fragt, ob eine hospizliche Versorgung langfristig für ihn und seine Familie sinnvoll und denkbar sein könnte. Auf die Frage, was er sich vorstelle und wünsche, antwortet Herr Berger, er wolle nicht sterben.
*Name wurde von der Redaktion geändert
Die Diversität, die im Praxisbeispiel 1 zutage tritt, ist die zwischen dem Patienten, dem von anderen gewisse Bedürfnisse zugesprochen werden, und dem Menschen, der seine eigene...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 40 / 2018

Kultur

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Grundlagen