„Ich spüre mich, also bin ich“

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Die veränderte Körperwahrnehmung von Menschen mit Demenz

Auch mit geschlossenen Augen können Sie die Position Ihrer Arme und Beine bestimmen. Bei Menschen mit einer Demenzerkrankung kann diese Fähigkeit verloren gehen. Die Ergotherapeutin und Dozentin Gudrun Schaade berichtet über die möglichen Veränderungen der Körperwahrnehmung und deren Auswirkung.

In unserer Gesellschaft spielt die Kognition eine große Rolle (vgl. Schaade, 2012). Schon der Philosoph Descartes sagte: „Cogito ergo sum ich denke, also bin ich. Ehe sich aber die Kognition entwickelt, hat ein Säugling und Kleinkind bereits eine Fähigkeit, die zum Überleben notwendig ist. Das ist die Wahrnehmung.
Wahrnehmung bedeutet: „Über die Sinne Reize aufzunehmen, sie im Gehirn zu verarbeiten und eine Antwort des Körpers darauf(Smith Roley/Blanch/Schaaf, 2003). Man muss also ganz genau zwischen den Sinnen und der Wahrnehmung unterscheiden.
Wiederum unterscheiden wir die Wahrnehmung, die durch die Nahsinne entstehen kann, von der Wahrnehmung, die durch die Fernsinne entsteht, nämlich sehen, riechen, schmecken, hören. Diese sind praktisch ein Schutzmechanismus, der uns über Gefahren aus dem Umfeld Informationen gibt. Diese Wahrnehmung verändert sich im Verlauf der Erkrankung.
Zum Beispiel der Geschmackssinn: Viele Nahrungsmittel werden als salzig wahrgenommen und Süßes wird bevorzugt. Auch im auditiven Bereich, dem Wahrnehmen von Geräuschen, verändert sich viel. Im schweren Stadium der Demenz kann die Lokalisation von Geräuschen und auch die Einordnung, um welches Geräusch es sich handelt, nicht mehr erfolgen.
Die vier Bereiche der Körperwahrnehmung
Tiefenwahrnehmung (Propriozeption)
Die wichtigste Wahrnehmung ist die, die uns Information über unseren Körper gibt. Wir sprechen von Körperwahrnehmung. Sie sagt uns, wie sich unser Körper im Raum befindet. Das erfahren wir über die Propriozeption, die Tiefenwahrnehmung, die wir durch Druck, Zug und schwere Gegenstände erreichen können. In unseren Gelenken befinden sich Rezeptoren, die an unser Gehirn die Lageinformation unseres Körpers im Raum weiterleiten. Die Körperwahrnehmung nimmt in der fortgeschrittenen Demenz immer weiter ab. Durch diese Abnahme kann es zu Ängsten der Betroffenen kommen. Auch herausforderndes oder agitiertes Verhalten kann auf die abnehmende Körperwahrnehmung zurückgeführt werden. Das lässt sich deutlich bei Demenzkranken im mittleren und schweren Stadium erkennen. Die kranken Menschen beginnen, schwere Gegenstände zu schieben (Möbel oder sonstige Einrichtungsgegenstände). Sie suchen sich dadurch selbst Körperinformation, die sie anders nicht mehr bekommen können.
Vibration
Eine weitere Körperwahrnehmung ist die vibratorische Wahrnehmung. Die Vibration wird vor allem über die Haut, aber auch über Muskeln und Sehnen, vermittelt. Das vibratorische System hilft der Propriozeption, die Stellung des Körpers im Raum zu erkennen. Wir können so ohne unsere Augen feststellen, wie und wo sich z.B. unsere Beine und Arme befinden.
Gleichgewicht (Vestibuläres System)
Der nächste Bereich der Körperwahrnehmung ist das vestibuläre System, also die Wahrnehmung, die das Gleichgewicht herstellt. Ohne das Vestibuläre System könnten wir nicht gehen, nicht stehen und uns auch nicht im Sitzen aufrecht halten. Auch diese Wahrnehmung geht bei vielen demenzkranken Menschen zurück bzw. verloren. So suchen auch diese Menschen sich die vestibuläre Wahrnehmung selbst. Sie beginnen z.B., sich an Heizkörpern festzuhalten und ständig mit ihrem Körper zu wippen. Sie sind nicht mehr in der Lage zu gehen, aber versuchen durch das Wippen, ihr Gleichgewicht zu stimulieren.
Berührung und Bewegung (Taktil-kinästhetisches System)
Der letzte Wahrnehmungsbereich ist das Taktil-kinästhetische System. Hier sind besonders die Hände gefragt. Taktil bedeutet „berühren und kinästhetisch ist die „Bewegung. Durch eine einfache Berührung spüren wir nur wenige Informationen. Wir können nur die...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 50 / 2019

Agitiertes Verhalten