Yvonne Marina Pudritz | Esther Kiesel

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Viel hilft nicht immer viel − es gilt, die Medikation bei alten Menschen zu überprüfen
Viel hilft nicht immer viel − es gilt, die Medikation bei alten Menschen zu überprüfen, Foto © : Alexander Raths | stock.adobe.com

Yvonne Marina Pudritz | Esther Kiesel

Besonderheiten der medikamentösen Palliative-Care-Behandlung alter Menschen

Alte Menschen nehmen nicht nur mehr Medikamente ein als jüngere diese wirken bei ihnen auch anders. Die Autorinnen informieren über die Ursachen und die gesundheitlichen Folgen und zeigen, wie man diesen begegnen kann.

Der Arzneiverbrauch steigt mit dem Alter (Schwabe & Paffrath, 2015): In der Altersgruppe der über 65-Jährigen nehmen 42 Prozent mehr als fünf Arzneimittel ein (Moßhammer et al., 2016). Dies kann erwünscht sein, ist aber oft das Ergebnis verschiedener ungünstiger Faktoren wie z.B.
  • verschiedene Therapeutinnen und Therapeuten haben keinen Überblick mehr über die Gesamtmedikation
  • bei mehreren Erkrankungen sind verschiedene Leitlinien zu beachten
  • in Verschreibungskaskaden werden Nebenwirkungen mit weiteren Medikamenten behandelt
  • Therapien werden nach Erreichen des Therapiezieles weitergeführt.
Mehr Risiko als Nutzen
Als „potenziell inadäquate Medikation (PIM) werden Arzneimittel bezeichnet, bei denen das Risiko den klinischen Nutzen bei älteren Patienten übertrifft, z.B. weil
  • ein hohes Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen besteht
  • der therapeutische Effekt unsicher ist oder
  • „bessere/sicherere/effektivere Therapien möglich sind.
Ein Problem für die Therapie ist jedoch, dass es kaum Studienergebnisse für Menschen über 65 gibt. Die wenigen vorhandenen Studienergebnisse lassen beim Einsatz von PIM ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, Krankenhauseinweisungen und auch Mortalität vermuten (Renom-Guiteras et al., 2015). Bei der Auswahl von Arzneistoffen bei geriatrischen Patienten und der Vermeidung von PIM stehen verschiedene Instrumente (siehe Kasten 1) zur Verfügung. Deren Anwendung kann die verschiedenen physiologischen Veränderungen im Alter berücksichtigen.
Physiologische Veränderungen im Alter
Im Alter treten verschiedene physiologische Veränderungen auf, die zum einen die Verteilung der Arzneistoffe im Körper (Pharmakokinetik), zum anderen die Wirkung der Arzneistoffe (Pharmakodynamik) betreffen (Wehling & Burkhardt, 2018).
So steigt mit dem Alter der prozentuale Anteil an Körperfett, während Gesamtkörperwasser und die Albuminkonzentration abnehmen. Dadurch kommt es zu einer Veränderung des Verteilungsvolumens von Arzneistoffen: Wasserlösliche Stoffe haben dadurch z.B. ein kleineres Verteilungsvolumen, wodurch sich ihre Plasmakonzentration und damit auch die Wirkung erhöht. Fettliebende (lipophile) Wirkstoffe hingegen haben ein vergrößertes Verteilungsvolumen; hier kann eine höhere Dosis notwendig werden.
Auch lässt die Säuresekretion im Magen nach und eine zusätzlich verminderte Bewegung (Motilität) und Durchblutung im Gastrointestinaltrakt kann somit die Freisetzung einiger Arzneistoffe im Magen beeinflussen. Ebenso beeinflussen Veränderungen in der Leber die Verstoffwechslung und den Abbau von Arzneistoffen.
Auch die Ausscheidung von Arzneimitteln (renale Elimination) wird verringert. Durch die eingeschränkte Nierenfunktion kann es z.B. zu Überdosierungen kommen. Bei Arzneistoffen und deren Metaboliten, die über die Niere ausgeschieden werden, spricht man auch von nierenkritischen Arzneistoffen, sogenannten Renal Risk Drugs (RRDs) (Blix et al, 2006). Zu den RRDs zählen z.B. Metformin, Glibenclamid, Digoxin, ACE Hemmer, Cefuroxim aber auch Morphin. Bei diesen Arzneistoffen sollte bei einer eingeschränkten Nierenfunktion überlegt werden, ob der Einsatz unabdingbar, eine Dosisreduktion möglich oder ob der Wirkstoff eventuell bereits kontraindiziert ist und abgesetzt werden sollte.
Arzneimittel austauschen
Manche Arzneistoffe können weniger wirksam sein oder auch zur Verschlechterung der Nierenfunktion beitragen. Häufig kann man aber innerhalb von Wirkstoffgruppen nach einem möglichen Austauschpräparat suchen. So gibt es z.B. bei den Opiaten mehrere Möglichkeiten. Morphin, dessen aktiver Metabolit sich bei einer...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 43 / 2019

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis