Christel Bienstein

Wissen versus Rituale?

Christel Bienstein

Ein Beitrag zur Professionalisierung der Pflege

Rituale durchziehen den Alltag der Pflege seit Jahrzehnten und sogar seit Jahrhunderten. Welche Bedeutung haben sie in der Entwicklung oder Verhinderung der Pflegeprofession? Und wie können überkommene Rituale einer aktiven und reflektierten Haltung weichen? Ein engagiertes Plädoyer aus der Sicht der Pflegewissenschaft.

Rituale basieren auf angeblichem Erfahrungswissen ohne wissenschaftliche Überprüfung: Ob es das Richten der Liegestatt, das Aufsetzen von Blutegeln oder die regelmäßige Temperatur- und Blutdruckkontrolle war und manchmal noch ist. Pflegefachpersonen konnten bis vor 30 Jahren in Deutschland nicht an Hochschulen studieren und ihr eigenes Metier forschend begleiten. Im Gegensatz zur Medizin, die seit mehr als 800 Jahren an Universitäten neben der Juristerei und Theologie gelehrt wird, verfügten die Pflegenden weltweit über wenig gesichertes Wissen. Während die Medizin von einem evidenzgesicherten Wissen im Umfang von 20% ausgeht, pendelt sich zurzeit das weltweit pflegerisch gesicherte Wissen auf einem Niveau von 0,5 – 0,7% ein. Diesem Umstand ist es unter anderem geschuldet, dass sich Rituale halten, die angeblich auf Erfahrungswissen basieren und sich bisher der wissenschaftlichen Prüfung entzogen.
Pflegefachliche Rituale
Wissenschaftliches Herangehen an Pflegehandlungen war selbst in der eigenen Berufsgruppe verpönt, schließlich „hatte man es schon immer so gemacht. Eine erste Pflegeforscherin war Florence Nightingale, die 1854 in Scutari dem heutigen Üsküdar, einem Stadtteil Istanbuls die verletzten englischen Soldaten versorgte. Sie stellte mittels statistischer Erfassung fest, dass eine regelmäßige Lageveränderung der Verletzten zu weniger Dekubitalproblematiken führte. Allerdings wissen wir bis heute nicht, wie der individuelle, genaue Zeitpunkt eines jeweiligen Patienten ermittelt werden kann, um die Entstehung eines Dekubitus zu verhindern.
Die Ordensschwester Liliane Maria Juchli war dann eine der ersten, die gegenüber vielen Pflegehandlungen misstrauisch wurde. Sie hinterfragte eingeübte Rituale, wie das Übergießen des Rückens der Patientinnen und Patienten mit Franzbrantwein, das ungezielte Abklopfen zur angeblichen Pneumonieprophylaxe und vieles mehr. Auch ihr standen keine Forschungserkenntnisse zur Verfügung. Sie wagte aber den ersten Schritt, vorhandenes Wissen zu systematisieren und logisch nachvollziehbar zu begründen.
Nun entdeckt die Wissenschaft nach und nach „überflüssige oder „fehlerhafte Rituale. Allerdings nur in einem bisher überschaubaren Umfang.
Ein erster Schritt gelang durch den Einsatz von Prof. Dr. Doris Schiemann, indem sie ein Deutsches Netzwerk für Qualität in der Pflege (DNQP) auf den Weg brachte. Dieses Netzwerk erfasste in einem ersten Schritt pflegerische Vorgehensweisen. Daraus entstand das Interesse, qualitativ abgesicherte pflegerische Maßnahmen zu erarbeiten. Bis heute wurden zehn „Nationale Expertenstandards erstellt, die wissenschaftlich erarbeitet und in der Pflegepraxis einer Anwendungsüberprüfung unterzogen wurden. Damit wurden viele Rituale als solche entlarvt, wie das zweistündliche Umlagern eines Patienten zur Dekubitusprophylaxe oder ein ritualisierter Toilettengang bei nicht diagnostisch abgeklärter Ursache einer Inkontinenz.
Bis heute lohnt es sich, Teams aufzufordern, pflegefachliche Rituale im eigenen Arbeitsfeld zu entdecken. Es können Zeit damit eingespart und unnötige Belastungen oder gar Gefährdungen der Patientinnen und Patienten vermieden werden.
Schulische Ausbildung
Auch in der Ausbildung von Pflegefachpersonen spiegeln sich jahrzehntelange Rituale wider. Eine deutsche Besonderheit ist die Gliederung der Pflegefelder nach dem Alter der zu pflegenden Personen. Über mehr als 50 Jahre trennte sich das Gebiet der Kinderkrankenpflege von dem Gebiet der Erwachsenenpflege. Seit mehr als 30 Jahren wurde die Erwachsenenpflege dann noch von der...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 48 / 2020

Rituale

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Wissenschaft