Martin W. Schnell

Kultur und Sterben

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Martin W. Schnell

Kultur ist ein wichtiger Aspekt in der Palliative Care. Gerade am Lebensende, wenn es um Leben und Sterben geht, prallen die Kulturen und die davon geprägten Einstellungen mitunter besonders heftig aufeinander. Der Umgang mit dem Fremden und die Auseinandersetzung mit historischen und anthropologischen Aspekten des Lebensendes sind für Pflegende oft eine Herausforderung. Doch es lohnt sich, sie anzunehmen. Kultur im Allgemeinen, aber auch die Multikultur des Sterbens und des Todes, stehen im Zentrum des Beitrags.

Metin Göktan* liegt seit zehn Tagen auf der Intensivstation. Es sieht nicht gut um sein Leben aus. Dr. Schneider*, der behandelnde Arzt, erklärt der Ehefrau Cansu*, dass es die Möglichkeit gibt, ihren Mann auf die Palliativstation zu verlegen. Der Patient scheint damit auch einverstanden zu sein. In der Nacht vor der geplanten Verlegung tritt eine schwere medizinische Krise ein. Herr Göktan überlebt sie, fällt aber ins Koma.
Am Morgen des nächsten Tages kommt Hakan*, der älteste Sohn der Familie, ins Krankenhaus. Er erklärt dem Arzt, dass er nun das Oberhaupt der Familie sei und zu bestimmen habe, was mit seinem Vater geschehen solle. Eine Palliativversorgung komme nicht in Frage. Der Vater solle vielmehr maximal intensivmedizinisch behandelt werden, damit er wieder gesund werde. In diesen Konflikt interveniert eine Pflegende. Sie versucht, die verschiedenen Kulturen, die in der Situation aufeinanderstoßen, miteinander ins Gespräch zu bringen
*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
Das geschilderte und andere Beispiele, von denen der Medizinanthropologe Îlhan Ilkılıç berichtet, schildern sehr deutlich, dass der Faktor der Kultur in der Gesundheitsversorgung − und damit auch in der Palliative Care − ein wichtiger Aspekt ist (Ilkılıç, 2007). Kultur hat medizinische, pflegerische, ethische und rechtliche Dimensionen.
Was ist Kultur?
In Europa galten in der Antike alle Techniken als Kultur, die dazu dienen, die Natur zu ordnen und zu beherrschen. Die Agrikultur, sprich Landwirtschaft, ist hier das Vorbild. In der Neuzeit beginnt sich der Begriff der Kultur auf die Kultivierung der Persönlichkeit zu beziehen. Die Ausübung religiöser Praktiken, wie die Beichte, befördert diese Kultivierung.
Im 19. Jahrhundert kommt es zu einem Einschnitt. Kultur wird nun als Bildung, Lebensart, besonders als geistige Einstellung verstanden. Das Studium von Kunst, Literatur, Religion, Wissenschaft und Philosophie rückt damit in den Mittelpunkt. Die moderne Schule und Universitäten für das Bürgertum entstehen.
Diese im Europa verbreitete Vorstellung von Kultur als geistiger Bildung hat sich als problematisch erwiesen, weil sie außereuropäische Völker als unterentwickelt und Europa unterlegen einstufte. Diese Völker, die im 19. Jahrhundert von Europa kolonisiert wurden, bilden heute jene Gesellschaften und Staaten, aus denen seit einigen Jahren zahlreiche Migranten nach Europa kommen.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versteht man „Kultur als reflektierte Vergleichsbeziehung (Hartmut Böhme). Kultur bezeichnet dabei alle Arten des menschlichen Weltverstehens und -erschließens (Cassirer, 2011). Man geht dabei davon aus, dass es eine Pluralität von Kulturen gibt. Die Frage nach der wertvollsten und überlegenen Kultur wird nicht mehr gestellt. Public Viewing gilt ebenso und zugleich anders als Kultur wie ein Besuch in der Oper. Eigenes und Fremdes sind nicht länger mit Kultur und Barbarei identisch.
Sterben und Tod in der Gesellschaft
Auch Sterben und Tod haben im gesellschaftlichen Kontext einen historischen Wandlungsprozess durchgemacht. Sie sind, insgesamt betrachtet, in gewisser Weise sichtbarer geworden. Ein Grund hierfür liegt in der Pluralisierung von Religionen innerhalb der Gesellschaften, sodass es eine gelebte Mehrheitsreligion kaum mehr gibt.
Ein weiterer Grund ist eine Veränderung im Verhältnis von Familie und Institutionen. Historischen Untersuchungen...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 40 / 2018

Kultur

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Grundlagen