Detlef Rüsing

Wir „stehlen“ bei der Medizin

Die dauerhafte physische Anwesenheit von Expertinnen und Experten, um ein „Demenzboard“ einzurichten, kann hohe Kosten verursachen. Videotelefonie kann hier die Lösung sein
Die dauerhafte physische Anwesenheit von Expertinnen und Experten, um ein „Demenzboard“ einzurichten, kann hohe Kosten verursachen. Videotelefonie kann hier die Lösung sein , Foto © : istock.com/mixetto

Detlef Rüsing

Das „Demenzboard muss her wie Technik und multidisziplinäre Fallarbeit einen Mehrwert für Menschen mit Demenz bieten können

Die wohl beste Herangehensweise an herausfordernde Verhaltensweisen bei Personen mit Demenz ist die (multidisziplinäre) Fallarbeit. Aber was machen wir, wenn in besonderen Fällen unsere Expertise nicht ausreicht und Fachleute für uns nicht erreichbar sind? Das an die Pflege angepasste „Demenzboard nach Vorbild des „Tumorboards, das bei der Behandlung und Diagnostik von Menschen mit einer onkologischen Erkrankung in der Medizin zum Einsatz kommt, muss endlich her, meint Detlef Rüsing, Pflegewissenschaftler und Herausgeber von „pflegen: Demenz.

Die Pflege von Menschen mit einer Demenzerkrankung stellt Pflegeprofis vor große Herausforderungen. Oftmals fordern uns in der Pflege Formen herausfordernden Verhaltens, welche sowohl für die betroffenen Menschen als auch für Pflegende schwer zu händeln sind. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der Umgang mit diesen Formen des Verhaltens, wie z.B. Aggression, Depression, Bewegungsdrang und viele andere Zustände, erfreulicherweise massiv verändert. Mit der Einführung des Begriffs des „Herausfordernden Verhaltens im Rahmen der Erstellung der durch das Gesundheitsministerium beauftragten „Rahmenempfehlungen zum Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz in der stationären Altenhilfe (Bartholomeyczik et al., 2007) in den deutschen Pflegediskurs im Bereich der Versorgung demenzerkrankter Menschen, setzte die damalige Arbeitsgruppe von Expertinnen und Experten Tom Kitwoods (2000) Grundidee einer personzentrierten Pflege sprachlich konsequent um. Die Ablösung der medizinisch geprägten Begrifflichkeit des „störenden Verhaltens (disruptive behaviour) durch das Konzept des „herausfordernden Verhaltens (challenging behaviour) markierte für die Pflege die Abkehr von einer „Bekämpfung unerwünschten Verhaltens hin zu einem Verstehen desselben. Strukturiertes Verstehen und davon abgeleitetes Handeln fassten die Rahmenempfehlungen unter dem Begriff der „Verstehende(n) Diagnostik (ebd.) zusammen.
Das Verstehen im Zentrum gerontopsychiatrischer Pflege
Als zentrales Instrument des Verstehens, welches der möglichen Maßnahmenplanung bei herausforderndem Verhalten laut den Empfehlungen immer vorangehen muss, empfahl die damalige Arbeitsgruppe die konsequente Einführung von Fallarbeit/Fallbesprechung. Ein bewährtes Instrument, das bereits in der sozialen Arbeit bekannt war. Mit der Publikation der Arbeitsgruppe im Jahr 2007 hat das Konzept der Fallarbeit in seinen vielfältigen Erscheinungsformen seinen Siegeszug in der gerontopsychiatrischen Pflege angetreten. Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung der Fallarbeit bei Menschen mit Demenz ist, der im Jahr 2019 erschienene Expertenstandard des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz (DNQP, 2019). Darin wird das Verstehen von Verhalten als Basis pflegerischer Maßnahmenplanung zum state-of-the-art der gerontopsychiatrischen Pflege bestätigt.
Übliche Formen der Fallarbeit
Natürlich sind gemeinsame Besprechungen von Problemen und Herausforderungen in der Pflege keine Maßnahmen, die es nicht bereits vor den erarbeiteten Rahmenempfehlungen oder dem Expertenstandard gab. Schon immer haben sich Pflegende ausgetauscht und gemeinsam mit ihren zu betreuenden Personen und Angehörigen nach individuellen Lösungen gesucht. Was also macht Fallarbeit im hier besprochenen Sinne so besonders? Die festen Rahmenbedingungen und der standardisierte Ablauf sind das Besondere. Jede Fallarbeit beginnt mit der Vorstellung einer pflegerischen Herausforderung, dann folgt die gemeinsame Informationssammlung. Sie mündet bei einem herausfordernden Verhalten eines demenzerkrankten Menschen beispielsweise in einer gemeinsamen Verstehenshypothese. Ist diese formuliert also eine begründete...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 55 / 2020

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