Curd-David Badrakhan

Wie kann kulturelle Teilhabe am Lebensende gelingen?

Lebensqualität bedeutet für viele Menschen auch das Ausüben von Religion und Spiritualität
Lebensqualität bedeutet für viele Menschen auch das Ausüben von Religion und Spiritualität , Foto: © Curd-David Badrakhan

Curd-David Badrakhan

Gerade am Ende des Lebens sehnen sich viele Menschen nach ihren Wurzeln. Selbst bei Menschen, die schon lange in Deutschland leben, gewinnt die Ursprungskultur oft an Bedeutung. Damit die Begleitung von Menschen mit Migrationshintergrund gelingt, ist es wichtig, diese Teilhabe zu unterstützen. Wie das gelingen kann und wie Konflikte vermieden werden, zeigt der folgende Beitrag.

Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund in palliativen Lebenssituationen gehören zurzeit zur sogenannten ersten Einwanderergeneration (Henke, 2012). Obwohl sie häufig schon viele Jahre in Deutschland leben, ist für viele von ihnen gerade bei schwerer Krankheit und am Lebensende eine (erneute) Teilhabe an ihrer Ursprungskultur von großer Bedeutung. Die Prägung durch die Ursprungskultur ist nämlich einer der wichtigsten Faktoren bei Entscheidungsfindungen am Lebensende (Henke, 2015).
Der Wunsch nach (Er- und Aus-)Leben einer der deutschen Mehrheitsgesellschaft fremden Kultur wird von Teams in der palliativen Versorgung oft als befremdlich oder sogar problematisch empfunden. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen von einem angemessenen Umgang mit schwer erkrankten und sterbenden Menschen. Zu wenig passen häufig die Angebote der Versorger zu den teilweise sehr speziellen Bedürfnissen der Kranken und ihrer Zugehörigen. Nicht selten führt dieses  – scheinbar unüberbrückbare Missverhältnis zu Frustration auf beiden Seiten (Henke, 2012).
Raum für eigene Bemühungen schaffen
Es ist darum hilfreich, wenn in der Betreuung Tätige bzw. damit beschäftigte Teams zunächst einen entspannten Raum für die eigenen Bemühungen schaffen. In diesem Raum fällt es auch den kranken Menschen und ihren Angehörigen leichter, sich und ihre Anliegen auszubreiten und sich dabei an-, ernstgenommen sowie wertgeschätzt zu fühlen.
Entlastend kann in dieser Situation die Erkenntnis sein, dass die meisten kranken Menschen und ihre Angehörigen die Vorteile der hochprofessionellen (palliativ)medizinischen Betreuung in Deutschland anerkennen. Ihnen ist klar, dass sie in ihren Herkunftsländern entweder bereits viel früher verstorben wären oder unter deutlich schlechteren Bedingungen leben müssten. Die kranken Menschen und ihre Zugehörigen sind daher für die Bemühungen derer, die sich um sie kümmern, meist sehr dankbar, auch wenn diese Wertschätzung manchmal nicht klar zu erkennen ist (Paal, 2017).
Gleichsam kann es neue Räume eröffnen, vom Anspruch abzurücken, für jedes Problem direkt eine Lösung liefern zu müssen. Gerade im Bereich transkultureller Begegnungen fällt dies oft schwer. Zu groß ist die Sorge, unwissend, kulturunsensibel oder durch vermeintlich indiskrete Fragen unanständig zu wirken (Hartkemeyer, 1999). Jedoch signalisiert das Eingeständnis „Ich kenne mich nicht aus, interessiere mich jedoch, mehr zu erfahren, um sie besser unterstützen aufrichtiges Interesse und Anteilnahme. Tatsächlich ist diese Anteilnahme das, „was selbstverständlich neben einer menschenwürdigen, basalen medizinischen Versorgung Erleichterung verschafft und hilft: Zuwendung, Menschlichkeit, ein offenes Ohr (Battke, 2013).
Diversity Management
Im Umgang mit kranken Menschen mit Migrationshintergrund wird derzeit unter anderem die Entwicklung eines „Diversitiy Managements (Vielfaltsmanagement) gefordert. Dabei handelt es sich um eine „Anleitung zur selbstkritischen Auseinandersetzung mit dem als ‚fremd Empfundenen und der Entwicklung von Leitbildern zur positiven Würdigung von Vielfalt (Razum, 2016). Ziel des Diversity Managements ist, die soziale und kulturelle Vielfalt konstruktiv zu nutzen.
Die würdigende „Verwaltung von Unterschiedlichkeit ist bereits Teil des gelebten Selbstverständnisses der zeitgenössischen palliativmedizinischen Tätigkeit. Dieses Selbstverständnis findet sich wieder in den Worten Cicely Saunders: „Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 40 / 2018

Kultur

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Grundlagen