Martin W. Schnell

Was ist Alter?

„Mein Vater war ein wunderbarer Mensch − trotz zunehmender Hilfsbedürftigkeit verlor er nie seine Würde“
„Mein Vater war ein wunderbarer Mensch − trotz zunehmender Hilfsbedürftigkeit verlor er nie seine Würde“ , Foto © : Angelka Kampfer

Martin W. Schnell

Vom Sonderfall zur Normalität

Wer heute als „junger Alter gilt, war früherschon ein Greis oder lange tot.Hochaltrigkeit beginnt später als in früheren Generationen, doch sie hat nichts von ihrem Schrecken verloren im Gegenteil. Gedanken über erforderliche Änderungen in der Pflege und in den Einstellungen zum Alt- und Gebrechlichsein.

Der Mensch wird geboren, um sich gemeinsam mit Anderen zu entfalten, künstliche Welt zu erfinden und zu gestalten. Der mächtige Mensch ist aber auch ein endlicher Mensch, der sterben muss. Altern ist der Prozess der Endlichkeit, der die Gestaltung des Lebens bis zum Schluss begleitet und im Tod beendet.
Die Frage nach dem Alter ist differenziert zu beantworten. Neben dem biologischen Alter gibt es einerseits das gefühlte und andererseits das zugeschriebene Alter. Der Rentenbescheid teilt einer Person mit, dass sie alt wird und wann sie daher aus dem Produktionsprozess ausscheiden darf und auch muss. Gefühltes und zugeschriebenes Alter können miteinander in Konflikt geraten. Ich fühle mich jünger, als die Rentenversicherung mir bescheinigt.
Lebensalter
Seit dem 19. Jahrhundert werden Lebensalter definiert: Kind, Jugendlicher, Erwachsener und Greis lauteten die Namen der entsprechenden Phasen. Aus heutiger Sicht zeigt sich, dass die Lebensalter historisch wandelbar sind. Es gibt derzeit junge Alte, die an Jahren älter sind als Greise im 19. Jahrhundert. Da Menschen heute immer älter werden, ist mit der Hochaltrigkeit ein neues Lebensalter eingeführt worden und mit ihm Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit (Kasten 1).
1 Der alte Bauer
1 Der alte Bauer
Der Altbauer hatte vor Jahren schon den Hof an seinen Sohn übergeben und war aufs Altenteil neben das Haupthaus gezogen. Er unterstützte seine Kinder nach Kräften, freute sich an den gesunden Enkeln und wurde von seiner Schwiegertochter gepflegt, wenn er krank war. Nach einem langen und erfüllten Leben starb er eines Nachts unerwartet und ohne gelitten zu haben.
So oder so ähnlich möchten die meisten Menschen ihre letzte Lebensphase erleben. Anders, möglicherweise völlig anders, ist oder wird die Realität sein!
Hochaltrigkeit
Wenn heute vom Alter die Rede ist, dann ist nicht mehr der alte Mensch gemeint, den sich Hegel als Spitze der Alterspyramide vorstellte oder von dem Simone de Beauvoir sprach. Das Alter ist älter geworden, deshalb spricht man auch in der politischen Planung von Hochaltrigkeit. Damit verändert sich der ethische Status des alten Menschen. Für Hegel war das Alter normal, heute ist es ein Problem. Der hochaltrige Mensch wird nämlich durch Gebrechlichkeit, Krankheit sowie Gesundheitskosten definiert. Die Anzahl der kognitiv beeinträchtigten und mit Demenz lebenden Menschen, die als Patienten ins Krankenhaus kommen, steigt an.
Das Krankenhaus behandelt die Eingangsdiagnose, zum Beispiel einen Beinbruch. Das Personal steht zugleich ratlos vor der Frage, wie es auf die „nicht heilbaren Verhaltensweisen des Patienten wie Nahrungsverweigerung, nächtliche Unruhe, herausforderndes Verhalten oder Verwirrtheit eingehen soll (Schütz &Füsgen, 2013).
Die Ethik, die sich des hochaltrigen Menschen annimmt, ist jetzt eine Ethik der Heilberufe, denn der alte Mensch ist ein Fall für Pflege, Medizin und Rentenversicherung. Diese Veränderung bewirkt auch, dass Würde und Achtung des Alters vor einer Um- oder gar Entwertung stehen. Ist es nicht am besten, wenn man verwirrte und im Krankenhaus umherirrende Patienten in ihren Betten angurtet? Die Herausforderung der Gegenwart liegt darin, die Ethik des Alters durch die heilberufliche Perspektive zu führen und als Weisheit des alten Menschen wieder in Kultur und Gesellschaft einzufügen (Schnell, 2010). Solidarität mit hochaltrigen Menschen beinhaltet dann auch, dass erwachsene Kinder finanzielle Hilfe für ihre hilfsbedürftigen Eltern aufbringen müssen.
Paradigmenwechsel in den Versorgungskonzepten
Hochaltrigkeit und Demenz sind...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 43 / 2019

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